Reine Filmpremiere
Der 28-stündige Film
"....und morgen die ganze Welt"
mim - Raum für Kultur
Hans-Sachs-Str. 15, 80469 München
30. Okt. 2026 20 Uhr bis 31. Okt. 2026 24 Uhr
Der 28-stündige Film entsteht am Samstag, den 18. Oktober 1997 20:00 Uhr
bis Sonntag, den 19. Oktober 1997 24:00 Uhr. Es ist die erste Arbeit des proT mit Internet.
Hier begegnen sich der Anfang des proT mit Prozessionstheater und Unmittelbarem Theater
und Kinofilm (35 mm und 16 mm) und die Zukunft des proT mit Unmittelbarem Film und live-film
und dem Kampf um die Lebendigkeit und um das Theater des Aussen.
Das 28-stündige Filmprojekt von proT
....und morgen die ganze Welt
BETACAM SP - Farbe/Ton - 28:00:00 Std. - Produktion proT - 18./19.10.1997
14 Personen und 7 Schafe werden in einem metallisch glänzenden Kubus für die Dauer von 28 Stunden eingeschlossen.
Versorgt mit allen lebensnotwendigen Dingen stellen diese Personen (Organisatoren, Filme-Macher,
Internet-Surfer und Künstler etc.) ihren Aufenthalt als Film her. Kameras, Videoschnittplatz und
Internetanbindung stehen ihnen dabei im Kubus zur Verfügung. Begleitet wird die Filmproduktion im
Kubus von 7 theatralen Ereignissen ausserhalb des Kubus und den sieben Kontinenten. Erste Arbeit mit
und im Internet und erste Arbeit, die
live-film produziert: aus der permanenten Auseinandersetzung mit
theatralen Abläufen, Film, Dokumentationen, Synchronisatoren und Simultanität entstehen ab
"....und morgen die ganze Welt" durchkomponierte theatrale Produktionen, die gleichzeitig vom Theater unabhängige
Filmproduktionen sind, also nicht theatrale Abläufe abfilmen, sondern
live-film herstellen.
Das Bildmaterial liefern vier Kameras im Kubus (zwei fest installierte Kameras mit Totalen und zwei Kameras mit Kameramännern),
ausserdem Computergrafiken (live produzierte "Rahmen" aus dem Filmmaterial) und eine Internet-Verbindung zu den 7 Kontinenten á jeweils 4 Stunden in der Reihenfolge:
Ozeanien (Kapitel Eins: Aufbruch), Asien (Kapitel Zwei: Idylle), Indien (Kapitel Drei: Sexuelle Macht), Antarktis (Kapitel Vier: Besessenheit),
Afrika (Kapitel Fünf: Rock), Südamerika (Kapitel Sechs: Musikfilm), Nordamerika (Kapitel Sieben: Führerbunker).
Ähnlich der Bildmischung stehen auch der Film-Tonregie über Mikrofone alle Tonquellen aus dem Kubus zur Verfügung,
zusätzlich die Töne aus den Internetkontakten
und in allen ungeraden Kapiteln, als Einspielmaterial, die Musik aus Wagners "Ring der Nibelungen".
Theater Heute 12/97
HERR DER SIEBEN SCHAFE
Eindrücke vom Münchner "Spiel.Art"-Festival, eine Reise in die Untiefen der Theater-Avantgarde
und der unermüdbare Alexeij Sagerer
(...)
Botschaften aus sieben Kontinenten
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"Mäh" sagt das Schaf, "...und morgen die ganze Welt" Alexeij Sagerer
beim Theater- marathon in der Reithalle in München - Foto Erika Fernschild
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Den sperrigsten Brocken bot erwartungsgemäß Alexeij Sagerer, Münchens verwegenster
Theaterabenteurer, der sich auf seiner unentwegten Suche nach einem unendlichen, unmittelbaren Theater
diesmal die Rekordspanne von 28 Stunden vorgenommen hatte - Vorstoß in eine neue theatrale
Dimension oder schlicht eine Zumutung für das Publikum? Beides trifft zu, und so gab es denn auch
unterschiedlichste Reaktionen: Ein Häuflein faszinierter Fans harrte eisern aus, irritierte
Zaungäste verschwanden bald wieder achselzuckend, und gegen Ende strömten immer mehr Schaulustige,
die den Countdown nicht verpassen wollten.
"... und morgen die ganze Welt" liegt noch auf der Linie von Sagerers vielfach verzweigtem
Nibelungen & Deutschland-Projekt und ist zugleich wuchtig-rahmensprengender Aufbruch ins Ungewisse.
Im Zentrum der (leider etwas abgelegenen) Reithalle steht ein silbrig glänzender Kubus - Raumschiff oder
Heiligtum -, in dem sich das 14köpfige Expeditionsteam, bestehend aus Schauspielern, Musikern, Filmemachern,
Internetsurfern sowie Sagerer himself in Begleitung von sieben Schafen verschanzt hat. Das Publikum bleibt
außen vor, hat aber Gelegenheit, sich die Geschehnisses im Inneren des Kubus in Form des "Größten
Films aller Zeiten" - so zumindest der Titel - in Echtzeit zu Gemüte zu führen.
Dabei dauert die Produktion genau so lange wie das fertige Produkt, das live auf eine große Leinwand im Außenraum übertragen wird und 28 Stunden lang nichts anderes zeigt als 14 Menschen, die in einem Kubus eingeschlossen einen Film produzieren. So banal - so genial. Die Schafe kümmert all das kaum, sind sie doch sich selbst und auch dem Meister genug: "Ein Schaf hat kein Problem damit, 28 Stunden lang ‚Schaf' zu produzieren. Die Frage ist, ob es den Menschen gelingt, mit der gleichen Selbstverständlichkeit ‚Film' zu produzieren."
Bilder, die nicht lügen, weil sie nichts erzählen, nichts bedeuten wollen, sondern nur sind, was sie sind, reine absichtslose Lebensäußerung, durchsetzt mit ominösen Botschaften aus den sieben Sagererschen Kontinenten.
Auch wenn der Bogen diesmal eindeutig überspannt war, Sagerers Größenwahnsinn hat Methode und erinnert immer wieder daran, daß Theater nicht zuletzt dazu da ist, Bedürfnisse zu wecken statt zu bedienen. Und das geht eben nur ohne Rücksicht auf Verluste.
SILVIA STAMMEN
Die Personen im Kubus:
EXPEDITIONSLEITER: Alexeij Sagerer
ANIMATEURIN: Susanne Schneider
TANZSCHWESTER: Christine Landinger
GITARRIST: Joe Sachse
SCHLAGZEUGER: Erwin Rehling
TIER- UND ZEITPFLEGER: Peter Weismann
SCHAFE: 7 Schafe
BILDKOMPOSITION: Thomas Tielsch
FILM-TONREGIE: Kalle Laar
COMPUTERGRAFIK: Christoph Wirsing
INTERNET: Sylvia Franz, Urs Streidl
KAMERA: Christian Virmond, Thomas Wilcke
TONTECHNIK: Michael Kuhn
Produktion:
BAUTEN: Gert Bayer, Girgl Ecker
ORGANISATION: Maria Sánchez, Ursula Hasenkopf, Johanna Wall
DAUER (IDEAL): 28:00:00 Stunden
Spiegel, Kultur Extra, Heft 10, Oktober 1997

Alexeij Sagerer
Als bayerisches Theater-Urviech macht der Alt-Avantgardist seit fast 30 Jahren von sich reden.
Seine Botschaft: Es braucht keine.
Für den Siegfried wäre er die Idealbesetzung - groß, blond und breitschultrig, wie er
daherkommt. Aber mit nur einer Rolle allein war Alexeij Sagerer, 53, noch nie zufrieden. Und so ist
der Niederbayer in seinem Münchner Theater proT, das er vor fast 30 Jahren gegründet hat,
Schauspieler, Stückeschreiber, Regisseur und Organisator in einer Person.

Der "letzte Theater-Eingeborene Bayerns" (TV-Kulturmagazin "Capriccio") gilt als einer der Erfinder
des Post-68er Experimentiertheaters - und bis heute ist er dieser Avantgarde treu. Auf der
documenta 1987 ließ Sagerer 25 Videomonitore Ballett tanzen; und die aktuelle Renaissance
der Mythologie nahm er in seinen wilden Nibelungen-Assoziationen vorweg. Vom Urschrei bis zur
Wasserschlacht, von der "Maiandacht" bis zum "Tiger in Äschnapur" (wie zwei seiner Stücke
heißen) - alles ist Performance, alles ist "unmittelbares Theater". "Man muß nicht
hinter die Botschaft kommen", sagt Sagerer. "Es zählt, was da ist."
Für sein neues Projekt, eine Koproduktion mit dem Bayerischen Staatsschauspiel, hat er in der
Münchner Reithalle einen geschlossenen, metallisch glänzenden Kubus aufstellen lassen,
in dem sich 28 Stunden lang 14 Personen und 7 Schafe aufhalten werden. Das Publikum verlustiert
sich außen herum und kann die geschlossene Gesellschaft auf einem nach draußen
projizierten Film beobachten. Die Sagerer-Sage "... und morgen die ganze Welt", egal wie improvisiert,
hat ihre eigene Choreographie. 30 Blechbläser führen eine vierstündige Komposition
auf, Drum'n'Bass- und Techno-DJs inszenieren einen Rave als "Maschinerie der Ekstase", eine
Modeschöpferin präsentiert Entwürfe mit Gesang und Bauchtanz-Einlage.
Der raumschiffartige Kubus inmitten des Kommens und Gehens symbolisiert für Sagerer die Sehnsucht,
"die Welt unter Kontrolle zu bringen, sie nach einer Ästhetik auszurichten". Den Mythos von der
Eroberung der Welt, der den Regisseur seit der deutschen Einigung verstärkt beschäftigt,
will er mit einer Tag und Nacht dauernden Premierenfeier des "größten Films aller Zeiten"
verbinden - ein entschlossener "Griff in die Unterhaltungskiste".
Darin unterscheidet sich Sagerers Theater von allen pädagogischen und pseudopolitischen
Ansätzen: Ob er einen Veitstanz in Krachledernen mit randvollem Maßkrug vollführt
oder Kriemhild monologisieren läßt: "Mit einer Frau, die häßlich stöhnt,
könnte mein Mann gar nicht ins Bett gehen" - der Bühnenberserker hält, was er
verspricht: "Kommen Sie alle, ich werde spielen wie ein junger Gott."
BETTINA MUSALL
.... dies ist ein Film wie eine Droge .... er ist 28 Stunden präsent .... er begleitet dich ....
man kann ihn nicht ansehen wie einen Krimi .... man wird ihn verlassen und wiederkommen und er ist
immer noch da .... er ist dauernd in Bewegung .... du bewegst dich mit ihm .... er bewegt sich mit dir ....
der Film ist die Vorstellung einer dauernd sich verändernden Fläche .... eine Bewegung, die nie enden muss ....
alles was du siehst hat nie jemand live gesehen .... lediglich die Auswirkungen ....
das Publikum kommt nur bis zur Aussenhaut des silbernen Kubuses .... das Publikum erlebt gleichzeitig
.... zum erstenmal .... das Internet - die ästhetische Eroberung der Welt aus allen sieben Kontinenten
und in allen sieben Kontinenten -
unmittelbar in den theatralen und filmischen Abläufen .... und gleichzeitig 28 stundenlang die permanente Produktion
des live-films ....
Das Geschehen um den Kubus 1997:
Die Abläufe
18.10.1997 Samstag 20 Uhr bis 19.10.1997 Sonntag 24 Uhr
20:00 - 24:00 Uhr, Samstag:
Brunner/Ritz: BLECH.
Klangperformance. 30 Blechbläser, 240 min.
BLECH ist eine Komposition für 30 Blechblas- instrumente. In 8-minütigen Intervallen
reduziert sich die Anzahl der Spieler, bis am Ende nur noch ein Musiker übrig bleibt
und als letzter die Szene verläßt. Bestandteile der Komposition sind die
unterschiedlichen Blasinstrumente, die Reduktion der Stimmenzahl, die
"Choreographie" im Raum sowie Auswahl-Aktionen, die während der Aufführung
die ausscheidenden Spieler bestimmen.
00:00 - 04:00 Uhr, Sonntag:
Mojo Club Hamburg: ELECTRIC MOJO
Club Area mit DJ Michael Sauer und DJ Mad (Konzeption: Dietmar Lupfer/Muffathalle)
Drum'n'Bass als Maschinerie der Ekstase, die musikalische und visuelle Landschaften
entstehen läßt - ein Cyberspace in der `realen´ Welt diesseits der Monitore, vor allem aber:
ein Fest! "Drum'n'Bass ....und morgen die ganze Welt. Gib mir Kontrolle, give me a break.
No control! Welcome to the sonic paradise. Gib mir Breakbeats, Bass & Soul!
Willkommen im Kubus, welcome to the jungle." (Dietmar Lupfer)
04:00 - 08:00 Uhr, Sonntag:
Nina Hoffmann: GELBFLUSS.
Szenische Installation
Neben dem metallenen Kubus und seiner Expedition durch die mediale Welt des "world wide web"
bewohnt Nina Hoffmann ihre "Behausung", hergestellt aus vielen kleinen Ziegeln aus weißem
Wachs. Wärme und Feuer, deren zerstörerische Kraft in der Farbe Gelb präsent werden,
bringen in 4 Stunden Performance das Zuhause zum Schmelzen der Körper wird porös, nur
die Fugen aus Terracotta bleiben als gitterähnliches Gerüst zurück. Die sinnlich-amorphe
Qualität des Materials und die Langsamkeit der Vorgänge konfrontieren mit einem
ungewohnten Verhältnis zu Zeit und Raum.
08:00 - 12:00 Uhr, Sonntag:
Schauburg: KINDER IN STRÖMEN.
Ein Theater zelebriert seinen Alltag
Acht Uhr morgens: Die Erwachsenen schweben angenehm im Dämmerzustand zwischen Schlafen
und Ausgeschlafen. Kinder sind zu dieser Uhrzeit schon hellwach. Sie besetzen den Raum.
Sind neugierig. Fassen alles an. Fragen. Fragen über Fragen. Ein Bühnenbild entsteht.
Schauspieler bereiten sich vor. Die Kinder auch. Theater? Kenn ich nicht. Farbe oder
Schwarzweiß? Brotzeit. Es geht los. "Die Fürchterlichen Fünf" nach einem Buch von
Wolf Erlbruch. Die Kinder sitzen und schauen. Und die Theaterbesucher schauen,
wie die Kinder schauen.
12:00 - 16:00 Uhr, Sonntag:
4 Wissenschaftler, 4 Journalisten: DENKRÄUME.
Wissenschaft als theatraler Prozeß
Auch in der Wissenschaft findet Wirklichkeitsproduktion und "ästhetische Eroberung" (der Gene, der Gehirne, der Informationen) statt. In "Denk- räume" tritt die "theatrale Maschine" Wissenschaft in Austausch mit anderen theatralen Maschinen und wird dadurch sich selbst und den Zuschauern erfahr- bar als ästhetische Vorgehensweise.
4 Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen - PD Dr. Thomas Metzinger (Philosophie), Prof. Dr. Hans
Günter Gassen (Genetik), Prof. Dr. Wolfgang Prinz (Psychologie) Prof. Dr. Laura Martignon (Neurobio- logie) - treiben das Thema aus ihrer Sicht voran und
treten dabei in Dialog mit 4 Fachjournalisten (Dr. Johanna Leitgeb, Wissenschaftszentrum NRW; Dr.
Jeanne Rubner, Süddeutsche Zeitung; Andreas Sentker, DIE ZEIT; Volker Stollorz, DIE WOCHE). Wissenschaft als theatraler Prozeß. Auch in der Wissenschaft findet Wirklichkeitsproduktion und "ästhetische
Eroberung" (der Gene, der Gehirne, der Informa- tionen) statt.
16:00 - 20:00 Uhr, Sonntag:
Fast Forward: SIMULTANEOUS MUSIC 2 x 4
Musikarchitektur für 2 Performer
Simultaneous Music ist Musik, in der unterschiedlichste Klangquellen Raum und Zeit teilen,
ohne sich direkt aufeinander zu beziehen - die Klänge finden lediglich ´simultan´ statt.
Es wird keine gemeinsamen Proben vor dem Konzert geben, im Gegenteil, sie sind tabu. Die
Partituren für die Arbeit werden unabhängig voneinander einstudiert und geprobt. Das
Gesamtwerk konstituiert sich erst während der Performance, wenn die beiden Parituren
simultan gespielt werden.
Fast Forward (acoustic percussion) und Ikue Mori (multiple drum machines) lassen mit
akustisch und elektronisch produzierten Klängen einen komplexen Klangraum entstehen, der
auch mit den Klangwelten des Kubus-Inneren interagieren und sich auf akustischer Ebene
mit der Präsentation von "Der größte Film aller Zeiten" vernetzen kann. Musik wird als
ständig sich wandelnde Raum(archi)textur erfahrbar.
20:00 - 24:00 Uhr, Sonntag:
Lisa D.: KNAUTSCHZONE
Modeperformance
"Knautschzone? Die Vermählung des Längsen mit dem Queren! Kleidung für fortgeschrittene
soziale Beziehungen!" "Knautschzone" verbindet, was normalerweise nicht zusammenkommt.
Kein Catwalk-Marsch, sondern Party, eine Modeperformance, mit der Lisa D. ihre Entwürfe
in kurzen Aktionen und Auftritts-Inter-mezzi (Gesang, Bauchtanz etc.) präsentiert.
Inszeniert sind auch die Räume: Nischen, "Yuppie-Sektbar", "Spießer-" oder "Penner-Ecke"
werden zu Passagen, die unterschiedliche Lebensstile mit denen des anwesenden Publikums
vermischen.
proT, Stand 22. September 1997
Süddeutsche Zeitung, 21. Oktober 1997
Schafes Bruder
Alexeij Sagerers 28-Stunden-Projekt in der Reithalle - eine Symphonie der
Dissonanzen

DIE ZEIT LÄUFT AB:
Während draußen in der Halle Lisa D.s Modeparty in
vollem Gange ist (links), warten die Kubusinsassen um den diesjährigen Münchner
Theaterpreisträger Alexeij Sagerer auf die Befreiung. Und die - siehe rechtes Bild - kommt auch
pünktlich um Mitternacht. Photos: Volker Derlath
Samstag, 19.59 bis 24 Uhr:
Noch eine Minute. Eine lange Minute, in der Alexeij Sagerer und 13 weitere Theaterexpediteure auf eine kleine
Tür zumarschieren. Als alle die Schwelle überschritten haben, verriegelt einer den Zugang: Wumm. Jetzt
sind sie die nächsten 28 Stunden in diesem raumschiffartigen Kubus allein mit sich, ein paar Computern und
sieben Schafen. Das Spektakel kann beginnen.
Laut ist es. Sehr laut. 30 Blechbläser, verteilt auf zwei Ebenen rund um den Kubus, tröten sich im
ständigen Positionswechsel die Lunge aus der Brust. Alle acht Minuten scheidet einer aus, so daß
sich die Anzahl der Musiker kontinuierlich verringert. Leiser wird es nicht. Das liegt an den Kubusinsassen,
die eine Klangperformance zelebrieren, welche das Publikum auf zahlreichen Monitoren und einer kinogroßen
Leinwand draußen live mitverfolgen kann. Da sieht man eine Frau mit verbundenen Augen, die sich ekstatisch
in Trance tanzt, flankiert von einem Gitarristen, einem Schlagzeuger und lila Schafen, die weltvergessen Stroh
mampfen und manchmal mit den Ohren wackeln. Die Bilder, die den längsten Film der Welt ergeben sollen, sind
verfremdet, mit Textfetzen aus dem Internet und knalligen Farbüberlagerungen. Dazu stimmt Sagerer seinen
unnachahmlichen, aus Gurgellauten, Zungenschnalzen und Kauderwelsch bestehenden Singsang an, der sich mit dem
Blechgetröte zu einer Symphonie der Dissonanzen verdichtet. Das strengt an. Weswegen sich schon weit vor
Mitternacht erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar machen. Wo, bitte, ist die Bar?
Sonntag, 0 bis 4 Uhr:
Im Kubus veranstalten sie jetzt seltsame Wasserspiele. Währenddessen arbeiten die DJs Michael Sauer und
Marius Nr. 1 daran, die Reithalle mittels monotonen Gewummers in eine Party-Arena zu verwandeln. 0.17 Uhr:
Einsam zuckt ein Tänzer im Spotlight. 0.32 Uhr: zwei Schirmmützenträger zucken mit, sich an
Bierflaschen festhaltend. 1.20 Uhr: Jetzt zucken sie im Dutzend, müde beäugt von ein par Dutzend
Nicht-Zuckwilligen. 2.40 Uhr: Auf den Bildschirmen räkelt sich eine nackte Frau. 3.09: Auch ein nackter
Mann räkelt sich. Der Rest ist Geflimmer.
Sonntag, 4 bis 8 Uhr:
Schnell sind die Tänzer verschwunden, denen schlagartig der Saft abgedreht wurde. Wer jetzt noch bleibt,
gehört zum Produktionsteam oder zu den Journalisten. Auf der Leinwand ist bei endlich einmal ruhigem und
unverfremdeten Bild Expeditionsleiter Sagerer zu erkennen. Eine "unbekannte sexuelle Macht" habe vom Kubus
Besitz ergriffen, teilt er mit. Über das Internet rufe man daher um Hilfe. Doch keine Antwort. Lusttöne
nur von Sagerer, der sich schmatzend seine von Entenfett verschmierten Finger leckt. Beklemmend hallt das
Geräusch durch die fast leere Halle. Dort macht man es sich jetzt allmählich in den Liegestühlen
bequem. Die Performerin Nina Hoffmann bearbeitet mit zwei Bunsenbrennern ihre Wachsskulptur "Gelbfluß",
das langsame Herausschmelzen von Wachs aus winzigen Ziegelwaben, ist ein meditativer Akt. Zwar muß
Hoffmann wegen organisatorischer Probleme auf eine Videoprojektion verzichten, doch die Wirkung bleibt nicht
aus. Fragen kommen in den Sinn: Sollte man seine Haushaltskerzen auch einmal mit großer Flamme entzünden?
Über solchen Gedanken wird die Atmung ruhiger, Köpfe sacken zur Seite. An der Theke stapeln sie
derweilen Kakao-Trunk fürs Frühstück auf.
Sonntag, 8 bis 12 Uhr:
Ein plötzliches Frösteln in der Halle. Die Seitentüren öffnen sich, lassen mit der Zugluft
Bühnenarbeiter der Schauburg ein, die eine fröhliche Kulisse aufbauen. Dann der Schock: Mehr als 100
Drittkläßler erobern im Sturm die Halle. Mit einem Schlag ist der Raum gefüllt bis unter das Dach.
Es wuselt, es quirlt - Bewegung, die nicht zu begreifen ist vom übernächtigten Restpublikum. Doch der
Schrecken beruht auf Gegenseitigkeit. Gänzlich erstarrt klebt ein Junge vor einem Monitor. Wird Zeuge,
wie sich Susanne Schneider in der Rolle der Animateurin gerade Mengen von Creme in die Haare schmiert, dann die
Stiefel, ja sogar die herrlich rote Strumpfhose hingebungsvoll salbt. Fassungslosigkeit bei dem Kleinen. Doch um
diese Stunde hat jede Generation so ihre Schwierigkeiten. Das Stück der Schauburg "Die fürchterlichen
Fünf", trifft bei manchem Großen überhaupt keine Nervenbahn mehr an. Reizüberflutung, Aufnahmestop.
Sonntag, 12 bis 16 Uhr:
Vier Wissenschaftler und vier Journalisten diskutieren Grundsätzliches. Da dies jedoch strittig ist,
sind die "Denkräume" Spannungsräume. Wie gehen wir mit unserem Wissen um? "Die Lage ist verworren",
gibt der Psychologe Wolfgang Prinz zu und fordert, wie auch der Philosoph Thomas Metzinger, eine neue Streit-
und Entscheidungskultur. Zum Beispiel bezüglich der Forderung des Genetikers Hans G. Gassen, das Schwein
durch Genmanipulation so zu vermenschlichen, daß es notfalls eine Niere spenden kann. In Sagerers
"Theaterexpedition" sieht die Neurobiologin Laura Martignon einen Modellfall dafür, wie sich Verbindungen
herstellen lassen. Die "Denkräume" jedenfalls sind exakt vermessen und haben eine auf den pointierten Dialog
orientierte Zeitarchitektur: Wer zu lange redet, dem wird von der Technik das Wort abgeschnitten.
Sonntag, 16 bis 20 Uhr:
Krise im Kubus. Es entsteht eine solche Spannung, daß die Schafe zu kauen aufhören. Das Ziel der
Expedition wird fragwürdig. Da kein ausgearbeiteter Plan für die letzten Stunden vorliegt, fürchtet
die Performerin Christine Landinger, Augenweide und Seele des Filmprojekts, daß der Expeditionsleiter einen
finsteren Entschluß fassen könnte. Dieser jedoch entschließt sich zu einer abgedrehten Rock'n'-Roll-Nummer,
um die Musiker aus der Lethargie zu reißen. Außerdem wird das Befinden protokolliert, um wieder Boden
unter den Füßen zu gewinnen: "Die Zeit kriecht. Kaum vorstellbar, die nächsten acht Stunden zu schaffen.
Um den Kubus sind Schritte vernehmbar." Während die Innenwelt des Kubus gegen die Erschöpfung kämpft und
so auch den Rest von Simulationstheater hinter sich läßt, wiegt sich die Außenwelt in einer Klangcollage
des New Yorker Percussionisten Fast Forward.
Sonntag, 20 bis 24 Uhr:
Mit Lisa D.s Modeparty kehrt die Zeit zurück. Sie läuft plötzlich spürbar gegen Mitternacht, so
etwas wie Silvesterstimmung kommt auf. Lisa erzeugt, was die Hallenmenschen rund um den Kubus so lange entbehrten:
Vitalität diesseits der Konzepte. Wie sie ihre Models in Jersey-Kleidern königlich ägyptisch auf
Stühlen über den Platz tragen läßt, gleicht einer sanften Eroberung des Raumes.
"...und morgen die ganze Welt". Nach 28 Stunden wird die Tür des Kubus entriegelt, und als die ersten herauskommen, schießt Sekt aus den Flaschen. Photos, Glückwünsche, Umarmungen. "Wie nach einem Grubenunglück." Doch es haben alle überlebt: Man zählt 14 Menschen und sieben Schafe.
Protokoll:
S.SIEDENBERG, B.SONNENSCHEIN, R.HAMMERTHALER
Die Reine Filmpremiere
In der Vorbereitung der "Reinen Filmpremiere" von ....und morgen die ganze Welt vom Oktober 1997
eröffnen wir die dritte Youtube-Seite proT-the-Beginning:
dadurch begegnen sich hier auf der proT-Seite der Anfang des proT mit Prozessionstheater
und Unmittelbaren Theater und Kinofilm (35 mm) und dem Kampf um die Lebendigkeit und das Theater des Aussen
und die Zukunft des proT mit Video und Unmittelbarem Film
und live-film und dem Internet.
....und morgen die ganze Welt
ist ein 28-stündiger Film. Er trägt auch den Zusatz Der grösste Film aller Zeiten und ist der
erste Captain-Flug, aber auch der erste "Unmittelbare Film", also ein Film, der gleichzeitig mit
der gleichnamigen Theaterproduktion in einem Vorgang entsteht.
Er entsteht mit einem Filmteam, einem Ton-Team und einem Internet-Team und wird nie wieder verändert.
Er steht im Schnittpunkt eines künsterlischen Prozesses von Alexeij Sagerer, der spätestens 1969 beginnt.
SEITEN - ABSPANN
proT-the-Beginning: Der Anfang auf Youtube
proT-the-Beginning macht den Anfang von Prozessionstheater und die ersten Kinofilme
von Alexeij Sagerer zugänglich. Die Film- und Theaterprojekte werden hier einzeln vorgestellt und
können auf Youtube abgerufen werden.
proT auf YouTube: proT-the-Beginning
Im Sommer 2026 eröffnet das proT seine dritte Seite auf Youtube unter dem Titel proT-the-Beginning.
Hier werden Filme aus der Anfangszeit des proT, also aus der Theaterarbeit und der Filmarbeit
von Alexeij Sagerer gezeigt.
Also TheaterDokus von Produktionen wie Gschaegn is gschaegn (Premiere 27.11.1969) oder
Watt'n oda Ois bren'ma nida (Premiere 06.06.1974). Aber auch die drei
Kinofilme Krimi, 35 mm (Premiere 02.12.1969, Europa Filmpalast München),
Romance, 16 mm (Premiere im proT bei Aktionsabend I, 30. November 1969)
und Pherachthis (Der Film der Kanne), 16 mm (Premiere im proT bei Aktionsabend II, 12. April 1970).
Von diesen frühen Arbeiten gehen wir dann zu späteren proT-Produktionen über und kommen dabei
auf den Prozess, der zu proT-Arbeiten mit Video und Internet führt,
die schon jetzt auf der Youtube-Seite "proT-the-whole-acts" zu finden sind.
proT-the-whole-acts: proT-Filme auf Youtube
Präsentation der proT-Filme, die auf der neuen Youtube-Seite: proT-the-whole-acts
seit August 2025 gezeigt werden. Die Filme werden hier einzeln vorgestellt und können auf Youtube
abgerufen werden.
proT auf YouTube: proT-the-whole-acts
Im August 2025 eröffnet proT eine neue Seite auf Youtube unter dem Titel proT-the-whole-acts.
Diese Seite präsentiert - im Gegensatz zu proTshortcuts - künstlerische
Kompositionen von Alexeij Sagerer nicht in Ausschnitten sondern in ihrer jeweiligen Länge.
Präsentiert werden zum Beispiel Zahltag der Angst - Intensitäten (1981),
Siegfrieds Tod - Nibelungen & Deutschland Projekt (1994), proT trifft Orff (1985),
Filme aus Der Tieger von Äschnapur (1977-1979) und Unmittelbarer Film:
Reines Trinken - Gottsuche (2008),
Voressen (2010) und Weisses Fleisch (2012). Die Präsentation wird ständig erweitert.
Lust auf proT - proTshortcuts auf YouTube
proT-shortcuts auf YouTube sind intensive Film-Ausschnitte von oder mit proT:
Theaterdokumentationen, live-film, Unmittelbarer Film ... oder kurze proT-Filme wie Film-Comics,
Vorfilme, Werbefilme ... Lebendige Präsentation!
proT auf YouTube: proTshortcuts
Inzwischen über 170.000 Views angeführt von den 4 FAVORITES mit je über 10.000 Aufrufen:
Tanz in die Lederhose: 25.982 Views, Vorfilm für Voressen: 17.447 Views,
Frau in Rot: 15.659 Views und Ottfried Fischer hustet Alexeij Sagerer: 10.239 Views.
(Stand 28.07.2026) und siehe auch Rote Wärmflasche tanzt auf Platz 5 mit überraschenden
8228 Aufrufen, Maiandacht mit 7866 Views, Erste Bierrede zur Kunst mit 5347 Views ...
Werkverzeichnis I
Alexeij Sagerer, proT — Produktionen
Werkverzeichnis II
Alexeij Sagerer, proT — Festivals, Ausstellungen, Screenings, Beteiligungen, Auszeichnungen, öffentliche Ankäufe (Auswahl)
Werkverzeichnis V
über Alexeij Sagerer, proT — Literatur und Presse (Auswahl)
FILMPRODUKTIONEN
ab 1969 bis jetzt
FILM UND PRÄSENTATION
proT Filmproduktionen im Kino, auf Festivals, bei Ausstellungen, auf Youtube und in anderen Präsentationen und Listen ab 1969 bis jetzt
THEATERDOKUMENTATIONEN
ab 1969 bis jetzt
proT jetzt!
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