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Sieben Monate
proT-the-whole-acts!
4 Verhältnisse von Film zu Theater
Nach den ersten sieben Monaten unserer neuen Youtube Seite
proT-the-whole-acts
präsentieren wir hier die 3 erfolgreichsten Filmkompositionen und die neueste Filmkomposition
auf dieser Seite.
Wir zeigen dabei, wie vier unterschiedliche Prozesse zu diesen vier verschiedenen Filmkompositionen
führen. Dabei verändert sich immer das Verhältnis von Theaterkomposition und Filmkomposition
und öffnet dadurch immer wieder den Weg zu neuen Konsistenzebenen, aus denen dann gänzlich
verschiedene Theater- und Filmkompositionen entstehen.
Dabei verändert sich auch immer das Verhältnis zwischen Film und Theater, was dadurch zu neuen
Unmittelbarkeiten im jeweiligen Medium führt:
- Zahltag der Angst - Intensitäten
Film auch für Kino
Aus derselben Konsistenzebene entstehen unabhängig voneinander eine Filmkomposition und
eine theatrale Komposition.
- Siegfrieds Tod
Theaterfilm
Unmittelbares Theater als Ereignis für Film. Aus dem Theaterereignis entsteht ein Theaterfilm.
- Weisses Fleisch
Unmittelbarer Film
Der Unmittelbare Film und das Unmittelbare Theater entstehen gleichzeitig. Die beiden Kompositionen
beeinflussen einander, sind aber in ihren Abläufen von einander unabhängig.
- Sieben deutsche Himmelsrichtungen
Synchronisator +
Der Synchronisator entsteht vor den theatralen Abläufen an weit auseinanderliegenden Gegenden.
Gleichzeitig ist er jedoch einer dieser Abläufe und bestimmt diese mit.
Unabhängig davon ist er eine filmische Komposition.
1.
Zahltag der Angst - Intensitäten
über 215.800 Klicks in 7 Monaten
Unter dem Titel Zahltag der Angst entstehen 1981 im proT die theatrale Komposition
Zahltag der Angst und gleichzeitig die Filmkomposition Zahltag der Angst.
Beide Produktionen sind von Alexeij Sagerer komponiert aus Intensitäten und entstehen
in einem Prozess, der auf derselben Konsistenzebene stattfindet. Trotzdem werden keine Intensitäten
doppelt benützt, das heisst es entstehen keine Filmbilder, die aus den theatralen Abläufen
stammen oder umgekehrt. Dabei läuft ein anderer künstlerischer Prozess als 2006-2016
in der Horizontalen "Programm Weiss" und dem "Unmittelbarem Film".
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Zahltag der Angst - Intensitäten
Film auch für Kino - U-Matic Highband - Farbe/Ton - 00:31:16 Std. - Prod. proT - 1981
Der Film
Zahltag der Angst - Intensitäten ist auf U-Matic Highband gedreht, also "Videokunst".
Gleichzeitig ist er aber auch wie "Kino" gedacht.
Er entsteht während der Arbeit an der Theaterproduktion
"Zahltag der Angst - Vorwurf auf den Tieger von Äschnapur Unendlich".
Gleichzeitig ist er eine von der Theaterproduktion unabhängige Komposition aus 51 kurzen Filmen von jeweils 31 Sekunden.
Zahltag der Angst - Intensitäten konfrontiert die "Intensität" verschiedener Unmittelbarer
Bewegungen, Materialien und Inhalte miteinander: Personen, Gegenstände, Farben, Licht, Musik, Geräusche, Sprache, Texte,
Abläufe.
Von Juni 1982 bis März 1983 ist
Zahltag der Angst - Intensitäten Teil der Videoausstellung
"Videokunst in Deutschland 1963 - 1982" (Ausstellungsorte: Kölnischer Kunstverein, Badischer Kunstverein Karlsruhe,
Kunsthalle Nürnberg, Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Nationalgalerie Berlin).
Drei Frauen: Cornelie Müller, Brigitte Niklas, Agathe Taffertshofer. Eine Stimme: Telse Wilhelms. Interview:
Alexeij Sagerer mit Herrn Lazarowicz, dem Leiter des Theaterwissenschaftlichen Instituts der Ludwig-Maximilian-Universität
in München. Videotechnik: Vips Vischer. Ein Film von Alexeij Sagerer.
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MÜNCHEN
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Montag, 19. Oktober 1981
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Mit nackter Haut
"Zahltag der Angst" von Alexeij Sagerer im proT
In seinem Theater mag Alexeij Sagerer nicht mehr spielen: da hat er diesmal einen Warteraum wie für das Nachtlager von
Granada eingerichtet. Der "Zahltag der Angst" ereignet sich wieder, wie sein letztes Opus "Münchner Volkstheater",
im ehemaligen Foyer des proT. Die Stühle für die Zuschauer sind schön an der Wand entlang aufgereiht: So hat jeder
alle anderen und zumindest eines der Fernsehgeräte im Blickfeld. Der Anti-Theatermacher Sagerer hat ja nie nur Theater gemacht,
sondern von Anfnag an auch ("Comic"-)Filme: jetzt, mit der Videokunst, bringt er beides zusammen. Da kann er die "Wirklichkeit"
in den "Kunstraum" holen. Tabuisierendes, die Schamgrenzen Überschreitendes oder recht komische professorale
Theaterdialogdokumente. Mit seinen Videos kann er seine geschichtenverweigernde Theaterphantasie durchbrechen,
nach außen fortschreiben und fortträumen.
In "Zahltag der Angst" versetzt Sagerer die Zuschauer mit Urweltpaukenklängen und rasenden Lichtbändern mitten hinein
in den "Krieg der Sterne": Rüstungsträger trippeln durch den Raum, holde Wesen schweben mit Leuchtröhren vorbei, die Farben
jagen sich wie bei einer Lichtreise ans Ende der Dinge. Langsam entstehen dann "Bilder", kommen Figuren ins Spiel, indem
Sagerer - zuerst als Schlagzeuger im Rollstuhl von zwei Krankenschwestern in den Raum gebracht - wieder kräftig und mit
phantasievollem Ingrimm gegen die konventionellen Theaterphilosophien zu Felde zieht: indem er das professionelle
Theater-Abc verweigert, eben nicht Schauspieler einen vorgegebenen Text vor Zuschauern spielen lässt und trotzdem und gerade
nichts als Theater bietet - in wunderlich schönen Bildern. Etwa wenn Agathe Taffertshofer mit einem Kerzenleuchter
zu Maria Callas' zersprungen gesungener Bellini-Arie wie im Traum tanzt. Oder in sehr komischen Szenen, wenn Sagerer
selbst demonstriert, was Playback bedeutet. Kaugummikauend und mit seinen sehr langen Haaren im Kampf tritt er vors
Mikrophon, bekleidet nur mit einer Trachtenlederhose und einem Cassettenrecorder; den hält er ans Mikrophon, lauscht
kenntnisreich und mit Stolz den Klängen und gestaltet die Nummer mit erfühlten Placierungen des Recorders vor dem Mikrophon.
Ein Auftritt, der diesem Theaterdenker und Volksschauspieler wie "auf den Leib geschrieben" ist. Was das aber wirklich bedeutet,
das demonstriert er dann genüsslich an seiner Mannschaft auf nackter Haut.
Sagerer und sein proT haben sich weit abgesetzt von übrigen Münchner Theatern - auch vom FTM. Ganz auf sich allein gestellt,
zieht man in diesem kleinen Kellertheater gegen den Rest der Welt und fürchtet sich nicht.
THOMAS THIERINGER
Film auch für Kino
Zahltag der Angst - Intensitäten
2.
Siegfrieds Tod
Unmittelbares Theater als Ereignis für Film
über 5.400 Klicks in 7 Monaten
Siegfrieds Tod wird bereits bei seiner Entstehung wie ein "Film" gedacht und
tritt dadurch aus dem Genre der "TheaterDoku" heraus und nähert sich der Intensität
eines "Unmittelbaren Filmes".
In gewisser Weise macht er dadurch auch Filmproduktionen wie "live-film" und "Unmittelbaren Film"
vorstellbar.
Siegfrieds Tod ist eine Arbeit aus der Aufzeichnung von
Siegfrieds Tod - Nibelungen & Deutschland Projekt Horizontale III-2 am 27. Oktober 1993 in
der Muffathalle in München. Gedreht wird mit 2 Kameras und Mikros im Publikum. Dem Schnitt steht
ausserdem der eingespielte Video-Synchronisator "Sieben Deutsche Städte"
zur Verfügung. Der Theaterfilm ist digital bearbeitet und mit Titeln.
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Siegfrieds Tod
Theaterfilm - U-Matic-Mutter - Farbe/Ton - 00:56:05 Std. - Produktion proT - 1994
Theaterfilm -
Siegfrieds Tod - Nibelungen & Deutschland Projekt Horizontale III-2,
Aufführung 27. Oktober 1993, Muffathalle München.
Gedreht mit 2 Kameras im Publikum - geschnitten mit dem Synchronisator "Sieben Deutsche Städte" -
digital bearbeitet - mit Titel.
Unmittelbares Theater als einmaliges Ereignis! Die Situation: 7 Performance-Künstlerinnen in einer Allee aus 7
Videotürmen. Auf den Monitoren der Synchronisator der 7 deutschen Städte, gedreht von Ost nach West: Dresden, Berlin, München, Hamburg, Stuttgart, Frankfurt,
Düsseldorf. Das Publikum bewegt - auf einer Performance-Straße.
Performerinnen: Silvia Ziranek, London. Hanna Frenzel, Berlin. Siglinde Kallnbach, Kassel. Regina Frank, Berlin.
Jana Haimsohn, New York. Nina Hoffmann, Berlin. Natalia Pschenitschnikowa, Moskau.
Kamera: Christoph Wirsing, u.a.. Ein Film von Alexeij Sagerer.
tz vom 29.Oktober 1993
SIEBEN MAL SIEBEN. "Siegfrieds Tod" in der Muffathalle
Vom verkabelten Nibelung und seinen sieben Verführerinnen: In der Muffathalle machte Alexeij Sagerer ein Ende mit Siegfried.
"Siegfrieds Tod" heißt der neueste Teil seines Nibelungen & Deutschlandprojekts und es ist der bisher aufwendigste und grandioseste
Teil. (...) Jede Performerin hat das Thema in eigener Sprache verarbeitet, gespielt wird gleichzeitig. Meist spiegelt sich -
es spielen Frauen - Siegfrieds Tod in Brünhildes Reaktion. Erstarrung: Hanna Frenzel läßt sich in einer durchsichtigen Röhre
mit Salz verschütten; Nina Hoffmann bepinselt sich mit heißem Wachs, bügelt es dann platt - das großartigste Bild des Abends.
Dagegen das wilde, sich sinnlos drehende Aufbegehren: Jana Haimsohn hüpft und tänzelt atemberaubend wie ein Perpetuum mobile und
Sieglinde Kallnbach übergießt sich nackt mit Tierblut, schleudert Fleischstücke gegen ein Hakenkreuz. Dazu die wunderlich schönen
Flötenklänge von Natalia Pschenitschnikova, die sich mit den Videos deutscher Städte, mit den Schreien, Tönen, Gesängen und dem
Licht mischen zu einem totalen Theaterereignis. - Sagerer ist der letzte Dinosaurier des Münchner Theaterlebens, er hat immer
wieder etwas zu sagen und je größenwahnsinniger und phantastisch-ausufernder er losschlägt, umso schöner ist sein Theater: Eine
Sucht.
Reinhard J. Brembeck
Das Ereignis erhält seine Spannung dadurch, daß jede Performerin auf ihrer eigenen künstlerischen
Vorgehensweise besteht, auf ihre eigene künstlerische Kraft vertraut und sich in einem vorgegebenen
und sich im Ablauf ereignenden Kraftfeld (in einem formalen und inhaltlichen Milieu) behauptet.
Jede Künstlerin bringt ihr eigenes Milieu mit, und bezieht sich rhythmisch auf das Gesamtmilieu.
Die sieben Künstlerinnen präsentieren sich mit eigenen Arbeiten
im proT.
Siglinde Kallnbach: DEUTSCHLAND DEN DEUTSCHEN
Hanna Frenzel: CHRONOS
Regina Frank: DIE KÜNSTLERIN IST ANWESEND, UMZÜGE
Silvia Ziranek: THE NEVER MERE MOTIF
Natalia Pschenitschnikowa: LUNGENMUSIK
Jana Haimsohn: DARE
Nina Hoffmann: OHNE TITEL
HYBRID - THE INTERNATIONAL CROSS-ARTFORM, dec 1993 / mar 1994
proT. SIEGFRIEDS DEATH - Nibelung & Germany Project (III-2) Muffathalle Munich
(...) Particularly impressive were the final two contributions, accompanying Frankfurt and Dusseldorf: Nina Hofmann turned
herself into a living wax sculpture with the help of a cauldron of hot wax, a tarring brush and a hot iron, and Natalia
Pschenitchnikova from Moscow improvised with voice and flute in her Lung Music, reacting with immense subtlety and energy
not only to the other performers but also the towers of flickering video images. Shot in the seven cities at seven different
times of day, Sagerer/Siegfried is seen in this sequence of short films processing across reunified Germany from East to West
with a red cross on his back, foreshadowing both his own imminent death and Kriemhild's subsequent revenge. A brief clip from
Lang's Siegfried brought this full-blooded and compelling station of Sagerer's ongoing Nibelung and Germany Project to a fitting
conclusion.
Martin Brady
Siegfrieds Tod
Nibelungen & Deutschland Projekt (III-2), Muffathalle München, 27. Oktober 1993
NIBELUNGEN & DEUTSCHLAND PROJEKT
Theaterproduktion in 11 Teilen (12.02.1992 – 31.12.1998)
3.
Weisses Fleisch
Programm Weiss - Unmittelbarer Film
über 1.070 Klicks in 5 Monaten
Eine rote Bühnenfläche. Darauf ein schwarzer Raum. Das Publikum auf schwarzen Stühlen.
Auf der Bühne grosse Bottiche mit weisser Farbe und Maschinen für die Bewegung von roten Fleischteilen.
Männer an den Maschinen. Eine Handlung mit weichen roten Körpern geht über in eine Handlung mit glatten
weissen Oberflächen, „weisse Skulpturen“. Im schwarzen Raum. Eine Frau kleidet sich weiss. Und badet in Rot.
Im Weiss auf roter Bühne beginnt das Fleisch sich selbst zu repräsentieren. Und simultan dazu übernimmt im
schwarzen Raum der weisse Repräsentationskörper des Fleisches, des Fleisches rote Körperlichkeit.
proT-the-whole-acts auf Youtube - über 1070 Views
Weisses Fleisch
Unmittelbarer Film - DV-SD - Farbe/Ton - 01:15:34 Std. - Produktion proT - 25.02.2012
Der Unmittelbare Film
Weisses Fleisch entsteht mit dem Film- und Theaterprojekt
Weisses Fleisch
am 25. Februar 2012 in der Muffathalle in München. Männer auf roter Bühne: Richard Hoch, Michael Varga. Frau im verborgenen schwarzen Raum: Juliet Willi.
live-Bildschnitt: Patrick Gruban. Externe Filmkameras: Ilona Herbert, Anja Uhlig. Kamerabild verborgener Raum: Alexeij Sagerer.
live-Filmton-Regie: Andreas Koll. Tontechnik: Oliver Künzner. Ein Film von Alexeij Sagerer.
Bei
Weisses Fleisch geht es um Komposition. Um Komposition als Anfang und Ende. Um Körper. Wandlung und Deformation.
Fleisch. Knochen. Bau. Komposition. Ein Pferdekörper fährt ins Licht. Ohne Fell. Weich. Gabelstapler. Töne. Geräusche.
Der Körper hängt an den Vorderbeinen. An der Gabel. Offen. Der Kopf hängt über dem Hals. Mit Fell. Alles bewegt sich. Zwei
Männer. Schwarz. Eine rote Struktur. Holz. Körper. Bühne. Darauf schwarz ein verborgener Raum. Schmal. Hoch. Ein Mann auf
der Bühne. Messer. Säge. Trennt Körperteile ab. Immer wieder. Deformation. Auflösung. Das Pferd fährt um die rote Bühne.
Stationen. Wandlung. Die wachsende Präsenz der Geräusche. Sechs Körperteile liegen auf der roten Bühne. Der Kopf weiter am
Gabelstapler. Beide Männer auf der Bühne. Die Körperteile werden gehängt. Permanente Komposition.
Und jetzt Weiss. Grundfarbe der Repräsentation. Die Geräusche wiederholt. Verzerrt. Tosend. Die Körperteile werden in
weisse Farbe getaucht. Der Kopf zuletzt. Neukomposition. Weisse Skulpturen hängen über Rot. Im Zentrum der schwarze Raum.
Und gleichzeitig im verborgenen Raum. Schwarz. Rote Farbe in roter Wanne. Davor die Frau. Nackt. Sie beginnt ihren Körper
zu bekleben. Mit weissen Hostien. Und die weissen Hostien bedecken den Körper. Und werden erneut Körper. Und die Frau
steigt in die Wanne mit roter Farbe. Langsam. Und der Körper bekleidet mit den weissen Hostien wird rot. Und die Hostien
werden rot. Und die Frau legt sich in die rote Farbe und taucht darin unter. Und auch der Kopf taucht ein ins Rot.
Deformation und Wandlung. Und alles wird ein Körper. Die weissen Repräsentationskörper und der nackte Körper der Frau und
die rote Farbe. Komposition. Und die Frau steigt wieder aus der Wanne. Und sie ist eine nackte Skulptur. Feucht und rot
glänzend. Und mit roten Fetzen von Hostien auf der Haut.
Montag, 27. Februar 2012
Zerlegt
Alexeij Sagerers Projekt 'Weisses Fleisch' in der Muffathalle
München - 'Weisses Fleisch': Das neue Projekt von Alexeij Sagerer und seinem
Prozessionstheater proT ist ein Spiel der Wandlungen. Der Bezugspunkt: Die
Transsubstantiationslehre. Danach verwandelt sich während des Abendmahls Brot und Wein in
Leib und Blut Christi. Das Sakrament ist eine Frage des Glaubens. Und der Repräsentation.
Für gläubige Christen ist Gottes Sohn im Abendmahl real präsent. Für den Rest sind Brot
und Wein lediglich Medien der Vergegenwärtigung.
Dies gilt es im Hinterkopf zu haben, wenn man in der Muffathalle zunächst auf ein Video
schaut, in dem eine Frau ihren weißen Körper mit Oblaten beklebt. Bis der Panzer fertig
ist, und die Frau in eine Wanne mit roter Farbe steigt und so erneut eine andere Gestalt
und Form annimmt, dauert es anderthalb Stunden. Währenddessen vollzieht sich auf dem
Podest in der Hallenmitte ein Schau-Spiel, das gewöhnungsbedürftig ist und wohl sein soll.
Für einen Skandal aber nicht taugt, auch wenn dieser noch kommen mag. Ein ausgeweidetes
totes Pferd wird von einem Gabelstapler hereingefahren. Quälend langsam verrinnen nun
die Minuten, in denen zwei Performer das Tier zerlegen und die Einzelteile an Ketten in
die Höhe ziehen. Man blickt auf rotes Fleisch, die Verwundbarkeit der Kreatur wird sichtbar.
Unzählige Mikrofone machen jeden Handgriff auch auditiv erfahrbar.
Sagerer, der Niederbayer, macht seit über dreißig Jahren 'unmittelbares Theater', der
Körper spielt darin eine zentrale Rolle. Seine Verletzlichkeit, aber auch seine Schönheit
und Würde drohen in einer stetig virtueller werdenden Welt zu verschwinden. 'Zeige deine
Wunde' hieß es schon bei Beuys. Am Ende übertünchen die Performer das Fleisch mit weißer
Farbe. Frappierend, wie es flugs seine blutige Bedrohlichkeit verliert. Zur Skulptur wird.
Diese ließe sich wieder anbeten - in einer Kunstreligion.
FLORIAN WELLE
Mittwoch, 29. Februar 2012
Alexeij Sagerer mit "Weißes Fleisch" in der Muffathalle:
Entsetzen und Eros bei einer magischen Aufführung
In der Muffathalle geben eine nackte Frau und ein Pferd eine infernalische Hochzeit
(...)
In der Mitte, auf roten Bühnenpodesten, ein monolithischer dunkler Block wie eine
Bundeslade, umgeben von Flaschenzügen und Seilwinden. Schwarze Bottiche. Hermetisch,
obskur, schweigend. Dann Aufschlaggeräusche, akustische Verrichtungen. Gegenüber von
diesem zentralen Block, dem Tabernakel eines wilden Gottes an der Rückseite der Halle,
geht eine Projektion auf. Eine nackte Frau beklebt sich mit Hostien. Ein Iphigenienmotiv.
In die Aufschlaggeräusche mischt sich der höhere vibrierende Ton eines anfahrenden Motors
wie eine orangene Säule. Aus dem rückwärtigen Dunkel neben der stummen Nackten fährt
jetzt wie in einer Prozession ein Stapler in den Raum: In seinen Gabeln hängt der
abgetrennte Kopf eines Pferdes über seinen mächtigen Körper. Aufschlaggeräusche,
Motor, Flaschenzüge, Rückkopplungen, Knochensägen instrumentieren die Szene einer Wandlung.
Pferd und Frau behaupten den Hieros Gamos, die heilige, chymische Hochzeit.
Die sexuellen Wurzeln des Religiösen, die Einheit der Gegensätze.
Vom Moment des Anfahrens an pendelt der Pferdekopf in einem geradezu affirmativen, ständigen
Auf und Ab über seinem der Länge nach aufgetrennten und ausgenommenen Körper und bejaht das
Geschehen. Und in unerbittlicher Logik vollzieht sich auch dieser Prozess: Es ist ja das
erotische Credo Sagerers, Brutalität und Verletzlichkeit bestehen gleichzeitig und gleichwertig.
Dann ist das Opferpferd im Innersten des Tempels. Es wird zerlegt in sechs Teile. Und der siebte
ist sein Kopf! In solcher Zerstücklung wird ein atavistischer Fruchtbarkeits-Ritus sichtbar.
Pars pro toto. Das Fleisch erfährt nun seine finale Wandlung. Zwei Arbeiter in Blaumännern,
um im Bild zu bleiben, Akolythe, Liturgiehelfer, bestreichen das Fleisch mit weißer Wandfarbe,
tauschen es in die schwarzen Bottiche. Am Schluss hängt weiß allein der Kopf des Pferdes wie
ein mysteriöser Gott und Iphigenie badet im Blut. (...)
MICHAEL WÜST
Das Filmprojekt - Unmittelbarer Film
Weisses Fleisch
Das Theaterprojekt
Weisses Fleisch
Programm Weiss - Wandlung und Deformation
4.
Der Synchronisator
"Sieben deutsche Himmelsrichtungen"
über 100 Klicks in 7 Tagen
Durch die Qualität „Synchronisatoren“ entstehen Filme, die gedreht werden, um die Länge von theatralen Abläufen
festzulegen, noch bevor diese Abläufe existieren. Sie bestimmen aber nicht nur die Gesamtlänge sondern auch die
„Einschnitte“ in diese Abläufe. Die Synchronisatoren laufen über die Monitore des
VierVideoTurms und bilden mit diesem eine Theatermaschine. Sie begleiten von 1992 bis 1998 das gesamte
Nibelungen & Deutschland Projekt. Da die Synchronisatoren nicht nur die Länge der Aktionen bestimmen,
sondern über ihre Bildhaftigkeit selber Aktion sind, entsteht mit den Synchronisatoren eine ganz eigene
Qualität von Film.
Synchronisator+ bezeichnet Synchronisatoren, deren Filmmaterial zum Beispiel durch Ton oder Titel in einen
eigenständigen Film transformiert ist.
Der Synchronisator Sieben deutsche Himmelsrichtungen steht im NIBELUNGEN & DEUTSCHLAND PROJEKT
der Horizontale IV zur Verfügung, also unter anderem den Produktionen "Siebenmalvier"
und "Endgültig." (14. und 15. Oktober 1995 im Bayerischen Staatsschauspiel Marstall, München).
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Sieben deutsche Himmelsrichtungen + Ton
Synchronisator+ - U-Matic Mutter - mit Ton - 00:56:44 Std. - proT - 1995

Sieben deutsche Himmelsrichtungen + Ton ist der Original Synchronisator
Sieben deutsche Himmelsrichtungen
"vertont" mit den Originaltönen aus den Produktionen
Siebenmalvier 2. Teil (Marstall, 14. Oktober 1995)
und
Endgültig. (Marstall, 15. Oktober 1995).
Mit Rüdiger Carl, Akkordeon (Frankfurt M.), Dietmar Diesner, Saxophon (Berlin), Paul Lovens,
Schlagzeug (Aachen), Joe Sachse, Gitarre (Chemnitz), Martin Schütz, Cello (CH-Biel),
Tenko, Stimme (London/Tokio), N.U.Unruh, Schlagwerk (Berlin), Matthias Hirth, Stimme (München),
Lara Körte, Stimme (München), Lukas Miko, Stimme (Österreich).
Tonfassung Alexeij Sagerer mit Christoph Wirsing.
Ein Film von Alexeij Sagerer.
Seit 2023 Präsentation Lenbachhaus München: Alexeij Sagerer bei Sammlung Online.
SZ vom 17. Oktober 1995
DER MYTHOS ALS KONZEPT ART
Alexeij Sagerers stocknüchterne "Götterdämmerung" zum Abschluß des Spiel.Art-Festivals
(...) "Siebenmalvier" (...). Ein musikalisches Zwischenspiel, das laut, schrill, rhythmisch insistierend,
den Blick auf die ebenfalls rhythmisch strukturierten Videobänder lenkt, auf Siegfried in
Lederhosen und Kriemhild in Unschuldsweiß, wie sie durch Städte und Länder ziehen, in denen
Natur und menschliches Leben die Zeichen des Krieges überwuchert hat. Rahmen und Montage
verfremden, was Dokument sein könnte, zum assoziativen Artefakt. Siegfried und Kriemhild als
Repräsentanten eines Heldendeutschlands, das im Heldengestus 1945 in Schutt und Asche verging.
Vorsicht Pathos! (...)
Eva-Elisabeth Fischer
1995. Der Synchronisator
Sieben deutsche Himmelsrichtungen wird mit wechselnden professionellen
Kameras gedreht (Kamera abwechselnd: Christian Virmond, Christoph Wirsing).
Dann wird das Material auf U-Matic überspielt und anschliessend digital bearbeitet und ohne Ton geschnitten
(Alexeij Sagerer und Christoph Wirsing). Das heisst, die original U-Matic-Mutter ist stumm.
Das Material für den Synchronisator
Sieben deutsche Himmelsrichtungen wird
in mehreren filmischen Reisen in folgender Reihenfolge gedreht: 1. Tunesien, 2. Normandie, 3. Kreta,
4. Narvik, 5. Sankt Petersburg, 6. Stalingrad, 7. Krim.
Auf diese filmischen Reisen wird immer das weisse Brautkleid ("Kriemhild-Motiv")
und für Alexeij Sagerer die Lederhose mit Hosenträgern, schwarzem Oberteil und Stiefeln ("Siegfried Motiv")
mitgenommen. Für das Brautkleid findet Alexeij Sagerer an jedem der Orte eine Frau.
Und an jedem der Orte sind Kriegsgräber vom 2. Weltkrieg.
Jeder der sieben Filme konfrontiert das Pathos des Mannes, der Frau und der Kriegsgräber mit
nomadischen Filmelementen, die vor Ort in langen Fahrten gefilmt werden.
Team Filmproduktion: Maria Sánchez, Alexeij Sagerer u.a.. Kamera: Christian Virmond, Christoph Wirsing.
Bearbeitung des Filmmaterials: Alexeij Sagerer mit Christoph Wirsing.
Ein Film von Alexeij Sagerer.
SAARBRÜCKER ZEITUNG vom 26. Oktober 1995
THEATER-GRENZGÄNGE
Das neue Münchner Spiel.Art-Festival, eine Biennale
(...) Asahinas Grenzgang zwischen Theater, Musik, Tanz und Bildender Kunst ist als neues Genre
hierzulande vor Jahren schon populär geworden durch den Belgier Jan Fabre, dann seinen Landsmann
Wim Vandekeybus, und heute durch Neuer Tanz Essen von Wanda Golonka/VA Wölfl. Diese Misch-Gattung
bestimmte auch das Münchner Spiel.Art. Einer, der in den 60er Jahren kühn in diese Richtung
vorpreschte, ist der Münchner Alexeij Sagerer, dessen dreiteilige "Götterdämmerung" das
Spiel.Art-Finale bildete. Sagerer strebt ein alle Sinne gleichzeitig ansprechendes Theater an
- das er vor allem als "Oper aus dem Geist der unmittelbaren Musik" versteht. In seiner Trilogie
wird diese "Oper" erschaffen mit Schlagwerk-Krach, komplexen Batterie-Kanonaden, Saxophon-Tiraden
und -Schreien, archaisch aus dem Bauch geholten Stimm-Experimenten und eingespielten Wagner-Opern.
In Sagerers "Nibelungen & Deutschland Projekt" wird mit akustischen Mitteln voll Ironie ein
provozierendes Zeitpanorama geschaffen. Mit einer musikalischtextlichen Verquickung von Nibelungen-Saga,
Wagners "Ring" und deutschen Wiedervereinigungs-Reden gelingt ihm ein germanisches Portrait von
äußerster Schärfe und zugleich von sinnlicher Kraft. Daß Spiel.Art diesen ortsansässigen Künstler
endlich einmal ins überregionale Rampenlicht holt, ist mit sein größtes Verdienst.
Malve Gradinger
DIE SYNCHRONISATOREN
auf dem VierVideoTurm, ab 1985
Götterdämmerung
Eine Trilogie im Nibelungen & Deutschland Projekt (IV-2)
Bayerisches Staatsschauspiel Marstall, München, 13./14./15. Oktober 1995
proT auf YouTube: proT-the-whole-acts
Im August 2025 eröffnet proT eine neue Seite auf Youtube unter dem Titel proT-the-whole-acts.
Diese Seite präsentiert - im Gegensatz zu proTshortcuts - künstlerische
Kompositionen von Alexeij Sagerer nicht in Ausschnitten sondern in ihrer jeweiligen Länge.
Präsentiert werden zum Beispiel Zahltag der Angst - Intensitäten (1981),
Siegfrieds Tod - Nibelungen & Deutschland Projekt (1994), proT trifft Orff (1985),
Filme aus Der Tieger von Äschnapur (1977-1979) und Unmittelbarer Film:
Reines Trinken - Gottsuche (2008),
Voressen (2010) und Weisses Fleisch (2012).
proT-the-whole-acts: proT-Filme auf Youtube
Präsentation der proT-Filme, die auf der neuen Youtube-Seite: proT-the-whole-acts
seit August 2025 gezeigt werden. Die Filme werden hier einzeln vorgestellt und können auf Youtube
abgerufen werden.
Der Nibelung am VierVideoTurm (1991)
Aus dem Nibelungen & Deutschland Projekt zeigen wir die letzten "Theaterfilme",
bevor wir dann mit dem "live-film" und dem "Unmittelbaren Film" ein verändertes Verhältnis
zwischen Theater und dem daraus entstehenden Film herstellen.
Mit diesem Theaterfilm präsentieren wir auch den Synchronisator "Sieben gemalte Filme"
und den VierVideoTurm.
proT-the-whole-acts auf Youtube !
Der Nibelung am VierVideoTurm 1991
Theaterfilm - Video 8 - Farbe/Ton - 00:51:47 Std. - Produktion proT - 1991
Der Theaterfilm
Der Nibelung am VierVideoTurm ensteht
mit der ersten Aufführung (legendär) des Theaterprojekts "Der Nibelung am VierVideoTurm -
Nibelungen & Deutschland Projekt (I-1)" am 31. Dezember 1991 in der proT-ZEIT, München, Steinseestrasse 2.
1. Rheingold. 2. Der Ruf ins Horn. 3. Schwärzen der Bilder. 4. Didawischifeischono. 5. Der Tanz in die Lederhose.
6. Die Kuh von der Frau Kastenhuber. 7. Im und Explosionen.
Mit Zoro Babel und Alexeij Sagerer. Kamera: Werner Prökel.
Bearbeitung 2019 mit live-Synchronisator
7 gemalte Filme: Alexeij Sagerer und Christoph Wirsing.
Ein Film von Alexeij Sagerer.
Süddeutsche Zeitung vom 15./16. Februar 1992
DEUTSCHER ERNST. Sagerer als "Nibelung"
Das sind die stolzen teutonischen Helden, vor denen uns der Sozialkunde-Lehrer immer gewarnt hat: Ein ächzendes,
schwitzendes Kraftpaket mit nacktem Oberkörper und bayerischer Lederhose, eine Schreckensgestalt. Aus dem Mund
des dumpfen Recken Siegfried aber erklingt eine Erzählung im schönsten bayerischen Zungenschlag, "Die Kuh von der
Frau Kastenhuber" betitelt. Wobei das hechelnd hervorgepresste Kauderwelsch, in stotternder Wiederholung vorgetragen, kaum
zu verstehen ist - wichtig und sinnstiftend ist allein die Sprachmelodie. Im proT, dem letzten Münchner
Zufluchtsort der fortschrittlichen Theaterkunst, erleben wir die Geburt der Musik aus dem Geist des Komödienstadels.
(...)
Sagerer nähert sich dem Gegenstand seines "unmittelbaren" Theaters diesmal mit bierischem Ernst. Zwar lacht
und gluckst das Publikum, wenn der Meister wenig später den "Tanz in die Lederhose" vorführt, auch der gefüllte
Maßkrug in der Rechten darf nicht fehlen - trotzdem will der Künstler den Theaterabend nicht nur ironisch verstanden wissen.
(...)
Wobei sich der Theatermann durchaus auf der Höhe zeitgenössischer Wagner-Interpretation bewegt: einen Lederhosen-Siegfried
gab es erst jüngst auf der Brüsseler Opernbühne zu bestaunen. Der Bilderzauber Cheréaus und Erich Wonders wird hier
mit einer rüden Übermalaktion ausgetrieben - mit triefender Malerrolle schwärzt der Akteur die Monitore.
Sagerers Musiktheater legt die Mechanik der Oper frei, und das "Nibelungen"-Spektakel markiert nur den Auftakt einer ganzen Reihe zur
deutschesten aller Sagen. Im proT brechen ernste Zeiten an.
Wolfgang Höbel
Von 1992 bis 1998 produziert das proT in München das NIBELUNGEN & DEUTSCHLAND PROJEKT.
Das NIBELUNGEN & DEUTSCHLAND PROJEKT ist eine Komposition von 11 Produktionen in 4 Horizontalen und 3 Vertikalen.
Der "VierVideoTurm"
wird in die Themenräume Deutschland, Nibelungen, Richard Wagner und Nomaden und Helden gestellt.
Dabei ist die proT-ZEIT "Theateratelier" und für einige Produktionen Aufführungsort.
AZ vom 17. Februar 1992
ATTACKE AUF UNSERE SINNE. Alexeij Sagerers "Nibelungen"-Performance
(...) Eine Stunde lang Bombardement auf alle Sinne: Sehen. Hören. Fühlen. Wenig dabei verstehen.
Der Schubladen-Einordnungsreflex ist ausgeschaltet. An seine Stelle tritt Neugier, Spannung.
Nichts lenkt einen von den Klang-Orgien aus Horn, Trommeln, Synthesizer und elektronisch-schrägem Mix-Brei ab.
Obwohl der Saal fast leer ist, ist er ausgefüllt. Sagerer durchschreitet ihn, hält vor dem "VierVideoTurm" an,
auf dem die sieben, je sieben Minuten langen Filme flimmern, bemalt sie mit schwarzer Lackfarbe. Kurze Striche,
längere, hektisch sich steigernd: Am Schluß ist der Schirm vollständig schwarz, kein Bildüberträger mehr, sondern
Bild für sich. Sagerer ist wie ein wildes Tier auf Jagd, schwitzend, keuchend, die Haare wirr in seinem Gesicht.
Ein kreativer Kraftprotz, dessen Energie den Saal auflädt. Ein musikalischer Derwisch, dessen Niederbayerisch bei
"Die Kuh von der Frau Kastenhuber" zur eigenen Melodie wird. Am Schluß Auszug des Gladiatoren unter Schlagzeugexplosionen.
Diesmal im Football-Helm, mit einer Spitzhacke unterm Arm. Stop vor dem "VierVideoTurm". Schlägt er oder schlägt er
nicht? Er schlägt. Sofort liegt der Saal in tiefer Dunkelheit.
Frauke Gerbig
Der Nibelung am VierVideoTurm
Nibelungen & Deutschland Projekt (I-1), proT-ZEIT München, UA 12. Februar 1992
Endgültig. (1995)
Im Nibelungen & Deutschland Projekt entstehen "Theaterfilme".
Unter Theaterfilm verstehen wir, dass das Filmmaterial aus den theatralen
Abläufen, eventuell auch mit mehreren Kameras oder bei unterschiedlichen Aufführungen
aufgenommen und bearbeitet wird. Intensive Beispiele hierfür sind der Theaterfilm
Siegfrieds Tod von 1994
und auch der Theaterfilm Endgültig. von 1995.
proT-the-whole-acts auf Youtube !
Endgültig.
Theaterfilm - Umatic - Farbe/Ton - 00:57:37 Std. - Produktion proT - 1995
Der Theaterfilm Endgültig. entsteht aus dem Material von drei Kameras und festen Titeln,
und wird in gewisser Weise "über" die bzw. mit der Steininstallation, die sich im Raum befindet,
gesehen.

Der Theaterfilm
Endgültig. ensteht mit der Aufführung des Theaterprojekts
"Endgültig.", 3. Teil der Trilogie "Götterdämmerung - Nibelungen & Deutschland Projekt (IV-2)",
am 15. Oktober 1995 im Bayerischen Staatsschauspiel Marstall, München.
Das Ende als Aufbruch in den Epilog mit Dietmar Diesner, Matthias Hirth, Lara Körte,
Lukas Miko und mit 77 Deutschen. Bühnenkameras Franz Lenniger und Christoph Wirsing.
Abläufe an und mit der Licht- und Tontechnik Ulf Hahn und Klaus Schneider.
Synchronisator auf den Monitoren des ViermalVierVideoTurmes:
Sieben deutsche Himmelsrichtungen (7 x 7 Minuten).
Steininstallation Nikolaus Gerhart, Rauminstallation Alexeij Sagerer.
Koproduktion proT, Bayerisches Staatsschauspiel im Marstall.
Aufführung bei SPIEL.ART 1995 - Theaterfestival in München.
Kamera Theaterfilm: Christian Virmond, Christoph Wirsing.
Bearbeitung Theaterfilm: Christoph Wirsing, Alexeij Sagerer.
Ein Film von Alexeij Sagerer.
AZ vom 17. Oktober 1995
HIMMELHOHE ABGRÜNDE DEUTSCHER GESCHICHTEN
"Götterdämmerung": Alexeij Sagerers Nibelungen-Finale
Der wilde Theater-Rebell als Weiser. Den Alexeij Sagerer und sein wirklich freies
proT müssen wir ab jetzt zu den autonomen Theater-Bild-Erfindern dieser 90er Jahre zählen.
Mit "Götterdämmerung", der abschließenden Trilogie seines Nibelungen-Projekts, setzt
Sagerer ein irritierendes, absolut selbständig gedachtes Deutschland-Epitaph.
Sieben und vier, Sagerers magische Zahlen, bildeten - nicht unbedingt einsehbar - in ihren
Kombinationen das Strukturelement des eigenwillig, mit unbedingter Phantasie seit 1992
durchgezogenen Projekts. Eine multimediale Besichtigung der deutschen (Einheits)Befindlichkeit,
mit Rückgriffen auf den Nibelungen-Mythos und Wagners "Ring". Eine wilde, oft scheinbar
willkürliche Mixtur von Dumpf-Archaischem unter dem Raster der scheinbaren Vernunft des Heute.
Sieben mal vier ist achtundzwanzig. Alles klar?
(...)
Ein Requiem, das sich am dritten Abend, "Endgültig", zu einem seltsamen Wiedergeburtsspiel
aufrappelt. Die Flammen der Invasion lodern durch die Videobilder, und während
Jung-Siegfried und Kriemhild die Braut (Lara Körte, Lukas Miko) vergeblich zueinander
finden wollen, dröhnen Wiedervereinigungs-Reden, Wagnermusik und -texte (Matthias Hirth):
Wir sind hautnah bei uns, heute. Nach Schlachten, während das Deutsch-Pärchen sich zum
sanften Walzer findet, besteigen langsam, ernst und auch gleichgültig 77 Menschen wie du
und ich die Bretter. Deutsche Gesichter starren uns an. Ein Volk ... Zukunft, Nibelungen???
Ein Live-Tableau, das lange, lange stehenbleibt, während Dietmar Diesners theatralisches,
zuweilen richtig militantes Saxophon allmählich im langen Mono-Ton verebbt.
Ingrid Seidenfaden
Endgültig.
Eine Co-Produktion proT, Bayerisches Staatsschauspiel / Marstall München in Zusammenarbeit
mit dem Siemens Kultur Programm, dem Festival SPIEL.ART und dem Kulturreferat der LH München.
Mit freundlicher Unterstützung durch Beck Forum, Dr. Jürgen Kolbe, Herrn Jörn Behrmann. Wir
danken der Licht & Ton GmbH und RÖRO Gerüstbau für die freundliche Unterstützung bei der
Videoinstallation.
Für die Unterstützung bei den Videoarbeiten vor Ort danken wir den Goethe-Instituten
in: Chania, Kiew, St. Petersburg und Tunis, sowie Herrn Matthias Gurski in Wolgograd und
Herrn Jurij Lebedev in St. Petersburg.
Götterdämmerung
Eine Trilogie im Nibelungen & Deutschland Projekt (IV-2)
Bayerisches Staatsschauspiel Marstall, München, 13./14./15. Oktober 1995
Der Laufende Tiegerjäger
In der
Pinakothek der Moderne
bei
DENKRAUM DEUTSCHLAND 2025

Foto: Johann & Erwin Rittenschober

Laufender Tiegerjäger ist ein eigenständiger Teil bzw. "Film" aus der "Theater als Film-Comics"-Produktion
Der Tieger von Äschnapur Eins oder Ich bin die letzte Prinzessin aus Niederbayern, die
1979 auf Super8-Film gedreht ist. Laufender Tiegerjäger: Alexeij Sagerer. Kamera: Team.
Ein Film von Alexeij Sagerer.
proT-the-whole-acts
Im August 2025 eröffnet proT eine neue Seite auf Youtube unter dem Titel proT-the-whole-acts.
Diese Seite präsentiert - im Gegensatz zu proTshortcuts - künstlerische
Kompositionen von Alexeij Sagerer nicht in Ausschnitten sondern in ihrer jeweiligen Länge.
Präsentiert werden zum Beispiel Zahltag der Angst - Intensitäten (1981),
Siegfrieds Tod - Nibelungen & Deutschland Projekt (1994), proT trifft Orff (1985),
Demonstrations-Zweck-PR-Band (1978-86).
Neu auf Youtube
Unmittelbarer Film
Unmittelbarer Film entsteht in und aus einer Produktion, die gleichzeitig Film- und Theaterproduktion
ist, aber Film und Theater kommen dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen. Sie beeinflussen einander. Sie
brauchen aber einander nicht zu berücksichtigen. Ein wesentliches Element des Unmittelbaren Filmes
ist der "feste", intensive Kamerablick, in dem sich eine ebenso intensive theatrale
Bewegung, "in einem Stück" entfaltet.
Weisses Fleisch (2012), Voressen (2010),
Reines Trinken (2008).
Reines Trinken - Gottsuche (2008)
Reines Trinken: Mit dem Internet werden "Oppe's Bistro", eine kleine Kneipe in Floß/Oberpfalz und das Trinken
zu Elementen des Prozesses, der zur Komposition des Unmittelbaren Filmes und des
Unmittelbaren Theaters im proT führt. Dabei treffen diese Elemente auf gleichzeitig stattfindende
Vorgänge in München. Zu diesen Vorgängen gehört unter anderem eine nackte Frau, die 8 Stunden lang
in sanft herabfliessendem Wasser steht. Rausch und Rauschen.
In einem längeren Prozess zwischen Alexeij Sagerer und den Männern in Floß, der zur künstlerischen
Komposition Reines Trinken führt, begreifen die Männer in Floß das proT. Sie begreifen, dass sie weder
Betrunkene spielen sollen, noch dass sie Teil einer Dokumentation über das Betrunkenwerden sind,
sondern dass sie Teil einer künstlerischen Produktion sind, die sie mit herstellen. Mit diesem Begreifen
beginnt für die Männer ein künstlerischer Prozess, der dann z.B. mit "Weisses Fleisch", "Voressen" und anderen Produktionen
im proT weitergeführt wird. Sie arbeiten mit dem proT in einem gemeinsamen Prozess an
künstlerischen Kompositionen.
NEU: proT-the-whole-acts auf Youtube !!
Reines Trinken - Gottsuche
Unmittelbarer Film - DV-SD - Farbe/Ton - 08:03:47 Std. - Produktion proT - 2008
Der Unmittelbare Film
Reines Trinken - Gottsuche (8 Stunden) entsteht vom 21. Juni 2008, 21:00 Uhr bis zum 22. Juni 2008, 05:00 Uhr
mit dem Film- und Theaterprojekt
Reines Trinken - Gottsuche in einem aufgelassenen Rangierbahnhofgelände und in den
Räumen von "NEULAND - kunst musik bar" in München, in Oppe's Bistro in Floß/Oberpfalz und im Internet.
Trinker und Bedienung Maria: Team Floß, u.a mit Johannes Oppenauer, Richard Hoch und Michael Varga. Frau in sanft
herabfliessendem Wasser: Juliet Willi. Musiker: Sebastiano Tramontana. Stewardessen: Kerstin Becke, Sophie Engert, Vanessa Jeker,
Kordula Kink, Elna Lindgens, Berit Menze, Anja Wiener.
Captain: Alexeij Sagerer. Entwicklung des Geländes in München mit Kay Winkler. Realisierung mit Philipp Kolb.
live-Bildschnitt: Christoph Wirsing. live-Filmton-Regie: Andreas Koll. Kamera: Matthias Endriß, Roger Hoidn.
Internet: Walter Ecker, Patrick Gruban. Ein Film von Alexeij Sagerer.
In Oppe's Bistro in der Oberpfalz trinken sechs Männer, acht Stunden, während zur selben Zeit in München in einem transparenten
Raum mit einer durchsichtigen Aussenhaut über Rundbögen, und auch über dem Schotterboden liegt eine dünne durchsichtige Folie,
eine nackte Frau acht Stunden lang in sanft herabfliessendem Wasser steht. Die beiden Orte sind über das Internet miteinander
verbunden. Aus Bild- und Tonmaterial von beiden Orten wird live ein Film geschnitten, der im Augenblick seines Entstehens in
München, in Floß und im Internet seine Premiere hat. Für die Zuschauer ist das Projekt nur in München begehbar, wo Stewardessen
sie betreuen und zu Expeditionen in den Raum des Trinkens und den Raum des Wassers führen.

Bei Reines Trinken - Gottsuche geht es um Rausch und Rauschen. Um das Rauschen, das sanfte Rauschen des Wassers und
die nackte Frau in diesem Rauschen und alles ist sehr zerbrechlich die Frau die einfach in diesem Rauschen steht und manchmal
geht sie ein wenig nach hinten in diesem durchsichtigen Haus wackelig geht sie nach hinten und kommt wieder zurück und das
Haus ist eigentlich nur eine dünne Haut und Bögen und es ist hell wenn sie beginnt in diesem warmen Rauschen zu stehen
einfach nur darin zu stehen und alles ist so vergänglich das Haus das bald nur noch Fetzen sein wird durchsichtige Fähnchen
an diesen Rund-Bögen in dieser provisorischen Landschaft mit Wind die in der Nacht verschwindet und doch dableibt und die
Frau steht in diesem Rauschen und in diesem Haus das jetzt leuchtet in der Nacht und bewegt sich nur wenig und lautlos
in diesem Leuchten bis es wieder hell wird und das Leuchten verschwindet und das Haus wieder zu einem Teil dieser
Landschaft wird die eigentlich nur provisorisch ist und da steht die Frau immer noch in diesem warmen Rauschen des Wassers.
Während die Trinker in dieser Zeit des Rauschens öffentlich trinken. Sie sind öffentlich und robust und sie wissen, dass sie
öffentlich sind und das Trinken wird zum Raum und der Raum wird zum Rausch. So wie er kommt. Wie er in die Körper und in die
Welt kommt. Wie er Raum wird. Und sie trinken nur. Stumm. Und dann reden sie natürlich und lachen und tanzen. Und die Komposition
Kneipe, die öffentlich ist, löst sich auf und wird erneut öffentlich und auch das Trinken, das nur Trinken ist, wird erneut
öffentlich und das wissen die Trinker. Und so wird Theater. Und obwohl Gottsuche immer ironisch ist mit und ohne Trinken wird
die Kneipe Kirche. Rausch Raum. Robuster Raum. Vertrauter Raum. Entrückung. Alles wird durchsichtig und ungreifbar. Kind werden.
Öffentlich.
24. Juni 2008
Münchner Kultur
Heiliges Bier
"Reines Trinken - Gottsuche" mit Alexeij Sagerer
Dass ein gescheiter Rausch hellsichtig machen kann, wissen Mystiker seit Jahrhunderten. Mit
"Reines Trinken - Gottsuche" im Rahmen des Zyklus' "Operation Raumschiff" luden nun Alexeij
Sagerer und Kay Winkler zum achtstündigen Trinkmarathon ins Neuland. Von Stewardessen wurde man
zunächst in einen Filmraum mit Einzeltrinkkabinen geleitet, wo man 28 Minuten in verwischten
Bildern dem Geschehen in einer live zugeschalteten oberpfälzischen Kneipe zuschaute. Dort pflegte
eine Tischrunde ausgiebig ein altdeutsches Männerritual: Schweigen vor Biergläsern. Unter
fleißigem Einsatz von Schnaps aber lösten sich die Zungen schließlich zu verrauschten Lauten.
Zwischendurch flimmerte eine nackte Frau über die Leinwand. Die durfte man eine Stunde später in
einer Art Gewächshaus besuchen, wo "Jane-Venus" (Juliet Willi) unter sich kreuzenden Wasserstrahlen
badete, ein Anblick reiner Schönheit. Danach geschah erst einmal lange wenig bis nichts.
"Worte bleiben an der Küste", wie die Sufis sagen. Mit Worten also waren Sagerers ozeanische
Assoziationsfluten nie zu ergründen. Sein neues Projekt allerdings glich eher einem stillen
Teich, auf dem sich angelegentlich eine Welle kräuselte. Gott oder irgendeine Erkenntnis mochte
sich nicht zeigen, während die Mitternacht näher rückte.
Doch wie ein Teich seine Geheimnisse nicht dem flüchtigen Betrachter preisgibt, so muss man sich
auf die langsamen Veränderungen des eigenen und des Zustands der Akteure einlassen. Sagerers
Trinken ist eine ernste Sache, die nicht ohne Grund auf acht Stunden angelegt ist. In dieser
Zeit wird das Raumschiff auch erfahrbar als Nucleus eines Ortes, den es bald nicht mehr geben
wird, weil Brachen, in denen sich Kreativität breit macht, in München stets vom Aussterben
bedroht sind.
In Oppe's Bistro, jener zugeschalteten Kneipe im oberpfälzischen Floß, kommt man langsam voran.
Die sechs Trinker, die etwas von ihrem Treiben verstehen, erwachen aus ihrer heiligen Andacht,
finden den Knopf der Jukebox und singen fünfstimmig "Guardian Angel"; fünfstimmig deshalb,
weil sich einer von ihnen auf das Betrachten des kleinen Ausschnitts der Tischfläche unmittelbar
vor sich konzentriert und keinerlei Ablenkung gebrauchen kann. Sagerer kündigt "You do something
to me" an, was Sebastiano Tramontana murmelnd intoniert, während er sich mit ein paar wüsten
Schlägen auf der Trommel begleitet und überraschend verschwindet. Die Oberpfälzer sind inzwischen
bei Strauss' "Zarathustra" angelangt und singen "badambadambdam". Nur Jane bleibt, was sie ist:
ein verführerisches Bild von Intimität, die in Wahrheit keine ist, weil Juliet Willi die
Anwesenheit der Zuschauer gänzlich ignoriert.
"Reines Trinken" ist ein begehbarer Schöpfungsmythos, die Kantine der Genesis, ein Fest der
Schönheit. Im Verschwinden aller zerebraler Niveauunterschiede liegt eine Utopie von einem
neuen Menschen, wie ihn Tarzan und Jane oder die Bedienung Maria entstehen lassen könnten.
Bis dahin aber ist noch viel zu trinken.
P. HALLMAYER / E. THOLL
Das Filmprojekt - Unmittelbarer Film
Reines Trinken - Gottsuche
Das Theaterprojekt
Reines Trinken - Gottsuche
Programm Weiss - Rausch und Rauschen
Voressen
Programm Weiss - Unmittelbarer Film
NEU: proT-the-whole-acts auf Youtube !
Voressen
Unmittelbarer Film - DV-SD - Farbe/Ton - 01:23:30 Std. - Produktion proT - 12.06.2010
Bei Voressen geht es um Deformation und Wandlung. Um Essen und Komposition. Und darum geht es.
Und drei schwarze Stühle stehen auf drei roten Aufbauten. Podesten. Und drei nackte Männer sitzen auf diesen Stühlen.
Im Lendenschurz. In Windeln. Und vor ihnen drei Tischchen. Ganz verschiedene. Mit abgeschnittenen Beinen.
Und darauf Speisen in vielen Formen und Farben. Und vor allem auch Farben. Und dabei auch Getränke. Blaue und rote und gelbe.
Und grüne Salate und Melonen und Gurken. Und die häufen sich auf den Tischchen und auch auf den Tellern.
Und sie häufen sich mit gebratenen Hähnchen und Schweinshaxn und Broten und Torten. Und Äpfeln und Tomaten und mit
anderem Essbaren und Trinkbaren.
Der Unmittelbare Film
Voressen entsteht mit dem Film- und Theaterprojekt
Voressen
am 12. Juni 2010 von 18:28:00 Uhr bis 19:51:30 Uhr beim Tanz- und Theaterfestival RODEO MÜNCHEN 2010 im Muffatwerk.
Frauen in Weiss: Juliet Willi, Elna Lindgens, Judith Gorgass.
Männer im Lendenschurz: Johannes Oppenauer, Richard Hoch, Michael Varga.
Mann und Frau, Verborgener Raum: Sven Schöcker und Alexandra Hartmann. Essen für Voressen: Vierzig Männer und Frauen.
BühnenKameras: Ilona Herbert, Anja Uhlig, Patrick Gruban. Kamera Verborgener Raum: Alex Endl.
live-Bildschnitt: Christoph Wirsing. live-Filmton-Regie: Oliver Künzner. Tontechnik: Paolo Mariangeli.
Ein Film von Alexeij Sagerer.
Und drei Frauen. Weiss gekleidet. Ganz unterschiedlich. Kommen herein und zerschneiden und zerrupfen das Obst und das
Gemüse und das Fleisch. Und dazwischen füttern sie die Männer. Mit Gabeln und Löffeln und Händen. Und manchmal
verbinden sie ihnen die Augen. Und öffnen Flaschen und Gläser. Und zerreissen Schachteln und andere Verpackungen
und wischen mit Servietten den Männern die Münder. Und drei schwarz gekleidete Kameraleute sind dabei. Auf den
roten Aufbauten und filmen. Und das Licht geht und kommt wieder. Und die Kameraleute verändern ihre Position.
Und die Frauen halten inne und dann zerkleinern sie wieder. Und schenken Bier ein und geben den Männern zu trinken
und auch eine rote Suppe und grüne Limonade. Und die Männer sitzen da und kauen und schlürfen und schlucken. Und
wandeln das Zerteilte und das Flüssige das Harte und das Weiche und das Fleischige und das Trockene in sich selbst.
Und sie sind nackt und mit Windeln. Und verschieden und intensiv. Und das ist öffentlich. Und jeder weiss es. Und
das ist Theater. Und das ist Komposition.
Und auf einem vierten roten Podest steht ein grüner Raum. In sich geschlossen. Darin. Eine Frau in weisser Unterwäsche.
Ein Mann in einer Badewanne. Sein nackter Körper bedeckt mit Hostien. Und der Mann bewegt sich. Und die Frau nimmt mit
ihren Lippen die Hostien vom nackten Körper des Mannes. Und isst die Hostien. Und die Hostien werden die Frau. Und die
Hostien sind ein Leib und verschieden. Und auch die Hostien des Rückens sind verschieden. Und die Hostie der Nase und
die Hostie des Schwanzes. Und auch als Oblaten sind sie verschieden. Und hinter dem Leib der Hostien erscheint der
nackte Körper des Mannes. Und obwohl es in dem grünen Raum geschieht ist es öffentlich. Und alle wissen dass es
öffentlich ist. Und ein Kameramann macht Bilder und eine Kamera schickt sie nach draussen. Zu den Bildern der anderen
Kameras auf den roten Podesten. Und ein Film entsteht. Und auf einer Leinwand neben dem grünen Raum läuft der Film.
Und die Männer auf den roten Podesten werden gefüttert. Und die Frau im grünen Raum isst die Hostien vom Körper des Mannes.
Und dann kommen viele Männer nackt mit Windeln herein und stehen neben den roten Podesten. Und viele Frauen in Weiss
kommen herein und gehen zu den Männern. Und sie haben Eier dabei. Und zerbrechen die Schalen. Und schälen die Eier.
Und füttern die Männer. Und alles ist eine Komposition. Und Verzehren und Deformation und das Wunder der Wandlung.
Und jedes ist intensiv und verschieden. Die nackten Männer mit den Windeln die Frauen in Weiss und die Eier.
Dienstag, 15. Dezember 2009
Münchner Kultur
Im Zeichen der Stoa
Alexeij Sagerers „Voressen“ im Muffatwerk
(...)
Drei Tarzans in Lendenschurz werden damit von drei Janes in Weiß gefüttert. Drei Kameraleute werfen
Detailansichten von klebrigen Bärten, bekleckerten Bäuchen und von mit viel zu großen Messern
massakrierten Melonen oder Schweinshaxen auf eine Leinwand, auf der man auch eine Frau sehen kann,
die Hostien vom Körper eines nur körperlich anwesenden Mannes nascht. Diese schmerzlichen Bilder
fruchtlosen Begehrens stammen live von einem unter grünen Planen verborgenen Raum im Raum, denn
anders als viele seiner Vorgänger leiht sich dieser Sagerer-Abend keine Bilder von einem
authentischen Anderswo. Alles, was 83 Minuten und 30 Sekunden lang geschieht, ereignet sich auf
der Probebühne des Muffatwerks. Und alles ist Essen, Verschlingung, Arbeit und Demut.
Die Männer, die auf ihren erhabenen Stühlen wie Paschas wirken könnten, sitzen stoisch da,
wie zu füllende Nahrungssäcke. Die Frauen, sich scheinbar devot kümmernd, sind sachlich Nahrung
in Münder einarbeitende Erfüllungsgehilfen eines verborgenen Planes. Worin der besteht? Wer
kann das wissen? Gänzlich gereinigt von Bedürfnissen und Emotionen sieht man zum ersten Mal
etwas wie „nacktes Essen“. Und die gekonnt unsachgemäße Behandlung der Nahrungsmittel richtet
den Fokus so deutlich auf deren Würde, wie es keine Kochshow dieser Welt je könnte.
SABINE LEUCHT
Dem live-Bildschnitt stehen zur Verfügung: die Totalen von zwei fest installierten Kameras im Raum.
Die Bilder der drei Bühnenkameras, die einem vorher erarbeiteten und festgelegten Plan folgen. Die Bühnenkameras
werden nicht gezoomt. die verschiedenen Bildausschnitte entstehen durch die wechselnde Nähe zum Geschehen.
Die Bilder der Kamera auf Stativ im grünen Raum. Die Kamera im grünen Raum wird vom Kameramann von take zu take neu eingerichtet.
Tonquellen für die Tonregie: der live-Ton, der im Laufe der Aktionen entsteht und dessen Intensität kontinuierlich angehoben
wird, übertragen auf ein eigenes Tonmischpult für die live-Filmton-Mischung.
Das Filmprojekt - Unmittelbarer Film
Voressen
Das Theaterprojekt
Voressen
Programm Weiss - Wandlung und Deformation
Weisses Fleisch
Programm Weiss - Unmittelbarer Film
proT-the-whole-acts auf Youtube - über 430 Views
Weisses Fleisch
Unmittelbarer Film - DV-SD - Farbe/Ton - 01:15:34 Std. - Produktion proT - 25.02.2012
Eine rote Bühnenfläche. Darauf ein schwarzer Raum. Das Publikum auf schwarzen Stühlen.
Auf der Bühne grosse Bottiche mit weisser Farbe und Maschinen für die Bewegung von roten Fleischteilen.
Männer an den Maschinen. Eine Handlung mit weichen roten Körpern geht über in eine Handlung mit glatten
weissen Oberflächen, „weisse Skulpturen“. Im schwarzen Raum. Eine Frau kleidet sich weiss. Und badet in Rot.
Im Weiss auf roter Bühne beginnt das Fleisch sich selbst zu repräsentieren. Und simultan dazu übernimmt im
schwarzen Raum der weisse Repräsentationskörper des Fleisches, des Fleisches rote Körperlichkeit.
Der Unmittelbare Film
Weisses Fleisch entsteht mit dem Film- und Theaterprojekt
Weisses Fleisch
am 25. Februar 2012 in der Muffathalle in München. Männer auf roter Bühne: Richard Hoch, Michael Varga. Frau im verborgenen schwarzen Raum: Juliet Willi.
live-Bildschnitt: Patrick Gruban. Externe Filmkameras: Ilona Herbert, Anja Uhlig. Kamerabild verborgener Raum: Alexeij Sagerer.
live-Filmton-Regie: Andreas Koll. Tontechnik: Oliver Künzner. Ein Film von Alexeij Sagerer.
Bei
Weisses Fleisch geht es um Komposition. Um Komposition als Anfang und Ende. Um Körper. Wandlung und Deformation.
Fleisch. Knochen. Bau. Komposition. Ein Pferdekörper fährt ins Licht. Ohne Fell. Weich. Gabelstapler. Töne. Geräusche.
Der Körper hängt an den Vorderbeinen. An der Gabel. Offen. Der Kopf hängt über dem Hals. Mit Fell. Alles bewegt sich. Zwei
Männer. Schwarz. Eine rote Struktur. Holz. Körper. Bühne. Darauf schwarz ein verborgener Raum. Schmal. Hoch. Ein Mann auf
der Bühne. Messer. Säge. Trennt Körperteile ab. Immer wieder. Deformation. Auflösung. Das Pferd fährt um die rote Bühne.
Stationen. Wandlung. Die wachsende Präsenz der Geräusche. Sechs Körperteile liegen auf der roten Bühne. Der Kopf weiter am
Gabelstapler. Beide Männer auf der Bühne. Die Körperteile werden gehängt. Permanente Komposition.
Und jetzt Weiss. Grundfarbe der Repräsentation. Die Geräusche wiederholt. Verzerrt. Tosend. Die Körperteile werden in
weisse Farbe getaucht. Der Kopf zuletzt. Neukomposition. Weisse Skulpturen hängen über Rot. Im Zentrum der schwarze Raum.
Und gleichzeitig im verborgenen Raum. Schwarz. Rote Farbe in roter Wanne. Davor die Frau. Nackt. Sie beginnt ihren Körper
zu bekleben. Mit weissen Hostien. Und die weissen Hostien bedecken den Körper. Und werden erneut Körper. Und die Frau
steigt in die Wanne mit roter Farbe. Langsam. Und der Körper bekleidet mit den weissen Hostien wird rot. Und die Hostien
werden rot. Und die Frau legt sich in die rote Farbe und taucht darin unter. Und auch der Kopf taucht ein ins Rot.
Deformation und Wandlung. Und alles wird ein Körper. Die weissen Repräsentationskörper und der nackte Körper der Frau und
die rote Farbe. Komposition. Und die Frau steigt wieder aus der Wanne. Und sie ist eine nackte Skulptur. Feucht und rot
glänzend. Und mit roten Fetzen von Hostien auf der Haut.
Montag, 27. Februar 2012
Zerlegt
Alexeij Sagerers Projekt 'Weisses Fleisch' in der Muffathalle
München - 'Weisses Fleisch': Das neue Projekt von Alexeij Sagerer und seinem
Prozessionstheater proT ist ein Spiel der Wandlungen. Der Bezugspunkt: Die
Transsubstantiationslehre. Danach verwandelt sich während des Abendmahls Brot und Wein in
Leib und Blut Christi. Das Sakrament ist eine Frage des Glaubens. Und der Repräsentation.
Für gläubige Christen ist Gottes Sohn im Abendmahl real präsent. Für den Rest sind Brot
und Wein lediglich Medien der Vergegenwärtigung.
Dies gilt es im Hinterkopf zu haben, wenn man in der Muffathalle zunächst auf ein Video
schaut, in dem eine Frau ihren weißen Körper mit Oblaten beklebt. Bis der Panzer fertig
ist, und die Frau in eine Wanne mit roter Farbe steigt und so erneut eine andere Gestalt
und Form annimmt, dauert es anderthalb Stunden. Währenddessen vollzieht sich auf dem
Podest in der Hallenmitte ein Schau-Spiel, das gewöhnungsbedürftig ist und wohl sein soll.
Für einen Skandal aber nicht taugt, auch wenn dieser noch kommen mag. Ein ausgeweidetes
totes Pferd wird von einem Gabelstapler hereingefahren. Quälend langsam verrinnen nun
die Minuten, in denen zwei Performer das Tier zerlegen und die Einzelteile an Ketten in
die Höhe ziehen. Man blickt auf rotes Fleisch, die Verwundbarkeit der Kreatur wird sichtbar.
Unzählige Mikrofone machen jeden Handgriff auch auditiv erfahrbar.
Sagerer, der Niederbayer, macht seit über dreißig Jahren 'unmittelbares Theater', der
Körper spielt darin eine zentrale Rolle. Seine Verletzlichkeit, aber auch seine Schönheit
und Würde drohen in einer stetig virtueller werdenden Welt zu verschwinden. 'Zeige deine
Wunde' hieß es schon bei Beuys. Am Ende übertünchen die Performer das Fleisch mit weißer
Farbe. Frappierend, wie es flugs seine blutige Bedrohlichkeit verliert. Zur Skulptur wird.
Diese ließe sich wieder anbeten - in einer Kunstreligion.
FLORIAN WELLE
Mittwoch, 29. Februar 2012
Alexeij Sagerer mit "Weißes Fleisch" in der Muffathalle:
Entsetzen und Eros bei einer magischen Aufführung
In der Muffathalle geben eine nackte Frau und ein Pferd eine infernalische Hochzeit
(...)
In der Mitte, auf roten Bühnenpodesten, ein monolithischer dunkler Block wie eine
Bundeslade, umgeben von Flaschenzügen und Seilwinden. Schwarze Bottiche. Hermetisch,
obskur, schweigend. Dann Aufschlaggeräusche, akustische Verrichtungen. Gegenüber von
diesem zentralen Block, dem Tabernakel eines wilden Gottes an der Rückseite der Halle,
geht eine Projektion auf. Eine nackte Frau beklebt sich mit Hostien. Ein Iphigenienmotiv.
In die Aufschlaggeräusche mischt sich der höhere vibrierende Ton eines anfahrenden Motors
wie eine orangene Säule. Aus dem rückwärtigen Dunkel neben der stummen Nackten fährt
jetzt wie in einer Prozession ein Stapler in den Raum: In seinen Gabeln hängt der
abgetrennte Kopf eines Pferdes über seinen mächtigen Körper. Aufschlaggeräusche,
Motor, Flaschenzüge, Rückkopplungen, Knochensägen instrumentieren die Szene einer Wandlung.
Pferd und Frau behaupten den Hieros Gamos, die heilige, chymische Hochzeit.
Die sexuellen Wurzeln des Religiösen, die Einheit der Gegensätze.
Vom Moment des Anfahrens an pendelt der Pferdekopf in einem geradezu affirmativen, ständigen
Auf und Ab über seinem der Länge nach aufgetrennten und ausgenommenen Körper und bejaht das
Geschehen. Und in unerbittlicher Logik vollzieht sich auch dieser Prozess: Es ist ja das
erotische Credo Sagerers, Brutalität und Verletzlichkeit bestehen gleichzeitig und gleichwertig.
Dann ist das Opferpferd im Innersten des Tempels. Es wird zerlegt in sechs Teile. Und der siebte
ist sein Kopf! In solcher Zerstücklung wird ein atavistischer Fruchtbarkeits-Ritus sichtbar.
Pars pro toto. Das Fleisch erfährt nun seine finale Wandlung. Zwei Arbeiter in Blaumännern,
um im Bild zu bleiben, Akolythe, Liturgiehelfer, bestreichen das Fleisch mit weißer Wandfarbe,
tauschen es in die schwarzen Bottiche. Am Schluss hängt weiß allein der Kopf des Pferdes wie
ein mysteriöser Gott und Iphigenie badet im Blut. (...)
MICHAEL WÜST
Das Filmprojekt - Unmittelbarer Film
Weisses Fleisch
Das Theaterprojekt
Weisses Fleisch
Programm Weiss - Wandlung und Deformation
proT trifft Orff
Theaterfilm
Carmina Burana - Videowand - fünf Schweine
Theaterfilm geschnitten aus dem Material verschiedener Aufführungen
von "proT trifft Orff - wir gratulieren" im Juli 1985 im Gasteig München, Black Box.
proT trifft Orff entsteht aus Carmina Burana mit einer Videowand aus
25 Monitoren, gespeist von 25 Videorekordern, mit fünf Schweinen und den
letzten Spuren von "Der Tieger von Äschnapur Unendlich".
Nach "Münchner Volkstheater" (1980), "Zahltag der Angst" (1981) und
"Küssende Fernseher" (1983) führt proT trifft Orff - wir gratulieren unter
anderem mit der Videowand die Auseinandersetzung mit Video im proT fort.
proT-the-whole-acts auf Youtube - über 637 Views
proT trifft Orff
Theaterfilm - U-Matic-Highband-Mutter - Farbe/Ton - 01:00:00 Std. - Prod. proT - 1986
Der Theaterfilm
proT trifft Orff entsteht aus dem Theaterprojekt
proT trifft Orff - wir gratulieren
von Alexeij Sagerer,
aufgeführt 10.-16. Juli 1985 im Kulturzentrum Gasteig, Black Box, München.
Die Kamera blickt von aussen auf das Geschehen. Geschnitten wird aus dem Material von verschiedenen Aufführungen.
Mit Werner Eckl, Axel Kotonski, Werner Prökel, Franz Lenniger, Cornelie Müller, Brigitte Niklas, Alexeij Sagerer,
Ulrike Stiefvater, Bernhard Jugel, Susanne Wehde
und den 5 Schweinen O Fortuna, Primo Vere, Uf dem Anger, In Taberna, Cour d 'Amour.
Kamera: Fips Fischer. Schnitt: Alexeij Sagerer, Fips Fischer. Ein Film von Alexeij Sagerer.
SZ, 13./14. Juli 1985, von Thomas Thieringer



proT trifft Orff
Der Mensch, so hat Horst Stern einmal gesagt, habe das Schwein zur Sau gemacht.
Alexeij Sagerer, dieser radikale Volks-Theater-Verfechter und spitzbübische Kämpfer
gegen alle falschen Kultur-Sprach-Zeremonien, demaskiert nun, im "heiligen" Münchner
Gasteig, die Sau wieder zum Schwein: fünf prächtig rosige Exemplare tummeln sich in
sauberem Stroh gut eine Stunde lang manierlich als Hauptattraktion in Sagerers "Revue"
zu Carl Orff's 90. Geburtstag, "proT trifft Orff oder Carmina Burana trifft Tieger von
Äschnapur".
Klar also, daß dies keine Feier-Weihestunde ist, obwohl Schmankerl aus dem 1937 uraufgeführten
Erfolgswerk des gerühmten Komponisten zu Gehör gebracht werden. Sagerer rennt an mit seinen
Volkstheaterfiguren gegen die "mittelalterlich-deutsche" Kulturgenüßlichkeit, unterläuft
deren Pathos mit seinen komisch-grotesken Szenen über die Rituale selbstgefälliger
"geschlossener Öffentlichkeiten".
Gleich zu Beginn führt er mit der ihm eigenen Komik vor, wie man mit einem kläglichen
Flötentönchen die „Tassen zum Wackeln“ bringt, und zum großen Finale lässt er eine pompöse
Batterie von Schlaginstrumenten aufbauen, verweigert aber sich und seinen Mitspielern selbst
das, was Kreislers Triangelspieler am Künstlerleben erhält, das eine erlösende Bing. Aber
nicht nur dieses sein Anti-Theater setzt Sagerer Orffs "Carmina" entgegen. Auf seiner Videowand
(24 Fernsehgeräte), wird reproduziert, womit wir uns, "kunstvoll" dem Blick auf die Wirklichkeit
erstellen lassen, mit Micky Mouse und Marilyn, Woody Allen und James Bond, herzigen Tierfilmen
und schmutzigen Pornos, Liebes-Schmachtfetzen und niedlichen Natur-Sentimentalitäten.
Hat das mit Orff etwas zu tun? – Aber gewiß doch: "Musik ist Politik", behauptet Sagerer
und "proT ist Politik" und "Wo war Orff 1936". Sagerer legt im Inneren des Münchner
Kulturtempels Stolpersteine aus, um die Feierlichkeiten um den "Münchner Weltmodernen"
aus dem Rhythmus zu bringen. Aber die Schweine bleiben dabei immer manierlich.
tsr / Photo: Rittenberg
proT trifft Orff - wir gratulieren
Carmina Burana trifft den Tieger von Äschnapur
"proT trifft Orff - wir gratulieren" ist eine proT-Produktion für das Kulturreferat der
LH München im Kulturzentrum Gasteig. Sieben mal aufgeführt in der Black Box am
10./ 11./ 12./ 13./ 14./ 15./ 16. Juli 1985 jeweils um 21 Uhr.
Mit 3 Orffizieren: Werner Eckl, Axel Kotonski, Werner Prökel; 4 d'Orfftrotteln:
Franz Lenniger, Cornelie Müller, Brigitte Niklas, Alexeij Sagerer; 1 Schweinehirtin:
Ulrike Stiefvater; 5 Schweinen: O Fortuna, Primo Vere, Uf dem Anger, In Taberna,
Cour d'Amor; Kellner/Kellnerin/Liebespaar: Bernhard Jugel, Susanne Wehde und einer
Videowand aus 25 Monitoren bespielt von 25 Rekordern.
Die Videowand aus "proT trifft Orff"
Farbe, Scharz-Weiss, Ton, 60 Minuten - Video als Welttheater
25 U-Matic Kassetten mit 25 verschiedenen Bild- und Toninhalten (die Zahl 25 entspricht den 25 Liedern
der Carmina Burana von Carl Orff. Die Videowand ist wie folgt aufzubauen: Erste und zweite
Senkrechte à 3 Monitore, dritte Senkrechte 4 Monitore, vierte, fünfte und sechste Senkrechte à
5 Monitore. Die 25 Töne werden über ein Mischpult auf Lautsprecher (mindestens zwei) an der
Video-Wand übertragen. Für jeden Ton gibt es 5 Lautstärke-Stellungen (leise-leise, leise, normal,
normal-laut, laut), die während der Präsentation der Videowand verändert werden. Für jede der
5 Lautstärke-Stellungen werden jeweils 5 Videotöne zugelost. Alle 5 Sekunden wird eine Lautstärke-Stellung
um eine Stufe nach oben oder unten verändert. Von der Grundstellung ausgehend, werden alle Töne,
ausser den 5 "laut" gestellten, nach oben verändert. Hat ein Ton die Stellung "laut" erreicht,
wandert er wieder nach unten bis zur Stellung "leise-leise". Die Reihenfolge der Lautstärkeveränderungen
ist vorher ausgelost worden. (Dies könnte auch ein Computer nach dem Zufallsprinzip machen).
Die Verteilung der 25 Videobänder auf die 25 Rekorder wird auch vorher ausgelost. Da die Töne
innerhalb der einzelnen Bänder in den Lautstärken variieren, ist auch eine "geminderte" Präsentation
der Videowand möglich, bei der alle 25 Töne auf einer "normalen" Lautstärke bleiben.
Die Inhalte der Bänder:
7 Videos: für Orff und mit im Hintergrund laufender Orff-Musik produzierte
3 Videos: Aufführungen von drei Prozessionstheaterstücken
1 Video: Tape Theater
1 Video: minimal club
5 Videos: geschnitten aus 15 verschiedenen Spielfilmen
5 Videos: geschnitten aus 3 Zeichentrickfilmen, 3 Tierfilmen, 3 Sportübertragungen,
3 Dokumentarfilmen über Künstlerinnen, 3 Religionsfilmen, die von
3 Komikerfilmen abgelöst werden
1 Video: geschnitten aus drei Stummfilmen
1 Video: geschnitten aus 5 Tarzanfilmen
1 Video: geschnitten aus 3 Komikerfilmen
Leuchtendes München, Weltstadt der Musik. Paul Neff Verlag, Wien, 1990
Freie Musiktheaterszene in München
Freie Musiktheaterszene in
München
Doch, auch wenn es fast unmöglich erscheint: Münchens Protagonisten gegen ein
"domestiziertes, abgepacktes Theater" gelingt es immer wieder, mit ihren Arbeiten an
die Öffentlichkeit zu dringen. Alexeij Sagerer und sein proT-Prozessionstheater gehören dazu.
"Das Leben besteht zu 90 % aus Musik (und zu 95% aus Politik)", sagt er und entwirft eine
konsequent querdenkerische, interdisziplinäre Theaterform, die nicht so sehr das Genre
Musiktheater meint, sondern das Stilmittel Musik als Katalysator und Ausdrucksfaktor für
ein eigenes, individuelles Kulturgefühl verwendet. "proT mit Satie", ein 1985 in der damals
noch existierenden proT-Halle konzipiertes neunzehnstündiges Ritual, folgte dabei einem
strengen, von Saties 840mal wiederholten "Vexations" aus "Pages Mystique" bestimmten
Zählsystem. Stumme Spiele, die dargebotenen Speisen, die Anzahl der Zuschauerstühle, die
jeweilige Spielzeit der sich abwechselnden vier Pianisten, alles korrespondierte mit dem
Rhythmus der Klaviersequenz und wurde für die Anwesenden "ein wundersam befremdendes Ereignis,
das die eingeübten Kunst-, Seh-, und Konsumgewohnheiten, wohl auch eigene Rhythmen, aufweichte,
sie verwandelte in eine ungemein lässige, von jedem selbst zu bestimmende Sensibilität und
Qualität der Wahrnehmungen" (AZ-Kritik).

" proT trifft Orff
Wir gratulieren ", 1985.
Herausfordernd stellte sich Sagerer zum 90. Geburtstag des Komponisten in einer vom
Kulturreferat in Auftrag gegebenen Arbeit "proT trifft Orff" dessen großem Wurf,
den "Carmina Burana". Fünf lebende Schweine tummelten sich in der Black Box im Gasteig.
Sie unterliefen, zusammen mit den d'Orff-Trotteln, Orffizieren, einem Orffwurm und mit
Orffschützern ohrenbewehrten Schlagzeugern in komisch-grotesken, aber auch
polemisch-doppelbödigen Spielszenen das Pathos der "mittelalterlich-deutschen
Kulturgenüßlichkeit" und die Rituale der selbstgefälligen "geschlossenen Öffentlichkeiten".
1989 wartete er mit dem Stück "Comics I in Oper/Tödliche Liebe oder Eine zuviel" auf,
das, laut SZ-Kritik, "das musikalische Theater in seinen Grundfesten erschüttert...
Sagerer hat sich ein Grundprinzip der Oper sehr zu Herzen genommen: Repetition und Variation...
Das musikalische Drama ? eine einzige Wiederholung, auf den Flügeln des Gesangs
hinaufgetragen in die dünnluftigen Regionen des Absurden. Hier braucht keiner mehr
Opernhäuser in die Luft zu sprengen, das destruiert sich von innen heraus."
BRIGITTE KOHL
AUGUST EVERDING (Hrsg.)
Das Kunst-, Film- und Theaterprojekt
proT trifft Orff
- wir gratulieren
Carmina Burana trifft den Tieger von Äschnapur
Zahltag der Angst - Intensitäten
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Zahltag der Angst - Intensitäten
Film auch für Kino - U-Matic Highband - Farbe/Ton - 00:31:16 Std. - Prod. proT - 1981
Der Film
Zahltag der Angst - Intensitäten ist auf U-Matic Highband gedreht, also "Videokunst".
Gleichzeitig ist er aber auch wie "Kino" gedacht.
Er entsteht während der Arbeit an der Theaterproduktion
"Zahltag der Angst - Vorwurf auf den Tieger von Äschnapur Unendlich".
Gleichzeitig ist er eine von der Theaterproduktion unabhängige Komposition aus 51 kurzen Filmen von jeweils 31 Sekunden.
Zahltag der Angst - Intensitäten konfrontiert die "Intensität" verschiedener Unmittelbarer
Bewegungen, Materialien und Inhalte miteinander: Personen, Gegenstände, Farben, Licht, Musik, Geräusche, Sprache, Texte,
Abläufe.
Von Juni 1982 bis März 1983 ist
Zahltag der Angst - Intensitäten Teil der Videoausstellung
"Videokunst in Deutschland 1963 - 1982" (Ausstellungsorte: Kölnischer Kunstverein, Badischer Kunstverein Karlsruhe,
Kunsthalle Nürnberg, Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Nationalgalerie Berlin).
Drei Frauen: Cornelie Müller, Brigitte Niklas, Agathe Taffertshofer. Eine Stimme: Telse Wilhelms. Interview:
Alexeij Sagerer mit Herrn Lazarowicz, dem Leiter des Theaterwissenschaftlichen Instituts der Ludwig-Maximilian-Universität
in München. Videotechnik: Vips Vischer. Ein Film von Alexeij Sagerer.
Unter dem Titel Zahltag der Angst entstehen 1981 im proT die theatrale Komposition
Zahltag der Angst und gleichzeitig die Filmkomposition Zahltag der Angst.
Beide Produktionen sind von Alexeij Sagerer komponiert aus Intensitäten und entstehen
in einem Prozess, der auf derselben Konsistenzebene stattfindet. Trotzdem werden keine Intensitäten
doppelt benützt, das heisst es entstehen keine Filmbilder, die aus den theatralen Abläufen
stammen oder umgekehrt. Dabei läuft ein anderer künstlerischer Prozess als 2006-2016
in der Horizontalen "Programm Weiss" und dem "Unmittelbarem Film".
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MÜNCHEN
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Montag, 19. Oktober 1981
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Mit nackter Haut
"Zahltag der Angst" von Alexeij Sagerer im proT
In seinem Theater mag Alexeij Sagerer nicht mehr spielen: da hat er diesmal einen Warteraum wie für das Nachtlager von
Granada eingerichtet. Der "Zahltag der Angst" ereignet sich wieder, wie sein letztes Opus "Münchner Volkstheater",
im ehemaligen Foyer des proT. Die Stühle für die Zuschauer sind schön an der Wand entlang aufgereiht: So hat jeder
alle anderen und zumindest eines der Fernsehgeräte im Blickfeld. Der Anti-Theatermacher Sagerer hat ja nie nur Theater gemacht,
sondern von Anfnag an auch ("Comic"-)Filme: jetzt, mit der Videokunst, bringt er beides zusammen. Da kann er die "Wirklichkeit"
in den "Kunstraum" holen. Tabuisierendes, die Schamgrenzen Überschreitendes oder recht komische professorale
Theaterdialogdokumente. Mit seinen Videos kann er seine geschichtenverweigernde Theaterphantasie durchbrechen,
nach außen fortschreiben und fortträumen.
In "Zahltag der Angst" versetzt Sagerer die Zuschauer mit Urweltpaukenklängen und rasenden Lichtbändern mitten hinein
in den "Krieg der Sterne": Rüstungsträger trippeln durch den Raum, holde Wesen schweben mit Leuchtröhren vorbei, die Farben
jagen sich wie bei einer Lichtreise ans Ende der Dinge. Langsam entstehen dann "Bilder", kommen Figuren ins Spiel, indem
Sagerer - zuerst als Schlagzeuger im Rollstuhl von zwei Krankenschwestern in den Raum gebracht - wieder kräftig und mit
phantasievollem Ingrimm gegen die konventionellen Theaterphilosophien zu Felde zieht: indem er das professionelle
Theater-Abc verweigert, eben nicht Schauspieler einen vorgegebenen Text vor Zuschauern spielen lässt und trotzdem und gerade
nichts als Theater bietet - in wunderlich schönen Bildern. Etwa wenn Agathe Taffertshofer mit einem Kerzenleuchter
zu Maria Callas' zersprungen gesungener Bellini-Arie wie im Traum tanzt. Oder in sehr komischen Szenen, wenn Sagerer
selbst demonstriert, was Playback bedeutet. Kaugummikauend und mit seinen sehr langen Haaren im Kampf tritt er vors
Mikrophon, bekleidet nur mit einer Trachtenlederhose und einem Cassettenrecorder; den hält er ans Mikrophon, lauscht
kenntnisreich und mit Stolz den Klängen und gestaltet die Nummer mit erfühlten Placierungen des Recorders vor dem Mikrophon.
Ein Auftritt, der diesem Theaterdenker und Volksschauspieler wie "auf den Leib geschrieben" ist. Was das aber wirklich bedeutet,
das demonstriert er dann genüsslich an seiner Mannschaft auf nackter Haut.
Sagerer und sein proT haben sich weit abgesetzt von übrigen Münchner Theatern - auch vom FTM. Ganz auf sich allein gestellt,
zieht man in diesem kleinen Kellertheater gegen den Rest der Welt und fürchtet sich nicht.
THOMAS THIERINGER
Die 11.000 Euro Kanne
BLAU
Am 28. Juni 2024 verkauft das proT für 11.000 Euro die signierte Alexeij Sagerer Kanne BLAU.
Und die Blaue 11.000 Euro Kanne vertritt die Organisationshoheit des proT und spricht!
Alles sind Konsistenzebenen und Kompositionen und dabei arbeitet die Lebendigkeit mit der Einmaligkeit
und jede dieser einmaligen Konsistenzebenen entsteht in einem Prozess durch Prozessionstheater
und jetzt erscheint das Theater des Aussen und es kommt ungefragt und unberechenbar und nur so entsteht es,
das Unmittelbare Theater.
Die 11.000 Euro Kanne in BLAU ist Unmittelbares Theater.
Sie propagiert nicht das
Andere, sondern sie ist das Andere.
Die Alexeij Sagerer Kanne BLAU steht für die Präsenz des proT und für die Entwicklung der
proT-homepage als eigenständiges Projekt.
Möglicherweise stellt sie das proT-Archiv vor.
Und spielt mit der Vorstellung von
"Das Unmittelbare Theaterblut aus der Penisvene" als proT-Produktion.
Die 7000 Euro Kanne
ROT
Am 7. Mai 2023 verkauft das proT für exakt 7000 Euro die erste Alexeij Sagerer Kanne.
Die Kanne ist ROT
und signiert mit AS 2023.
Der Beginn:
Die 7000 Euro Kanne steht voll hinter proT und der Arbeit von Alexeij Sagerer.
Pfingsten 2023, die Kanne beginnt zu sprechen und wird auch gehört.
Die 7000 Euro Kanne
ROT
Fortsetzung 1
Vor etwa einem Jahr - im Mai 2022 - es ist die Zeit um die Eröffnung der Ausstellung
"Die Lust am anderen Theater" (freie darstellende Künste in München) des Deutschen Theatermuseums,
leitende Kuratorin: Birgit Pargner, wird offensichtlich versucht, von angelernten Theatermachern
und Kulturverwaltern durch "üble Nachrede" Unsicherheit über die Arbeit des proT und Alexeij Sagerer zu
streuen. Dabei fallen Namen wie Ute Gröbel, Benno Heisel oder Michael Ott als Autoren.
Personen, die offensichtlich ihre Rolle als relevante Kunstkritiker und Theatererkenner masslos überschätzen.
Dazu versichert die 7000 Euro Kanne allen Interessierten hier verbindlich:
Niemand, der die Arbeit von Alexeij Sagerer (oder irgendjemand anderem) schätzt, muss sich vorher bei
Gröbel, Heisel oder Ott die Berechtigung oder den Segen dazu einholen.
Hierzu präsentiert die Kanne auch einen kurzen Ausschnitt aus unserer Präsentation
der Ausstellung im Deutschen Theatermuseum vom 04.05.-31.07.2022:

Alexeij Sagerer spielt mit seinem proT (Prozessionstheater) verrückt, phantastisch, radikal monomanisch.
Da treibt einer Theaterbilder aus sich heraus, chaotisch perfektionierte, frech verhöhnende, schön komische,
sucht Worte dazu, aber unter dem Druck der kunstvollen Anstrengung mißraten sie zu einem erschütternden
Gestammel: über Theater, das durch Subventionen konsumierbar gemacht wird, ist kaum mehr etwas Treffendes
zu sagen. Sagerer rennt mit einem von Mal zu Mal grimmiger werdenden Mut in seine Stückanfänge - über die
er nicht hinauskommt, nicht hinauskommen will, denn sonst geriete er in dramatische Zwänge, unter denen sich
alles so leicht erklären läßt: Er zerreißt seine Zuschauer gerne - wie in seinem neuesten "Tieger von
Äschnapur"-Programm -- in diesem Möcht'-gern-was-nach-Hause-tragen-Bemühen; rechts zeigt er dem wie für
eine Beschwörung sich gegenübersitzenden Publikum den brennenden "göttlichen Osterhasen"(aus Achternbusch),
sich selbst dann als fanatisch durch den Wald rasenden Sandbahnfahrer, und links wirft er die alle
Interpretation ad absurdum führenden Kommentare an die Wand, während der Alleindarsteller Sagerer im
Wilderer-/Jägerkostüm fasziniert den Gang des Sekundenzeigers verfolgt: Sagerer, der "permanente"
Tiegerjäger, der die bei Erfolg versprochene Prinzessin weiter denn je aus den Augen verloren hat. Oder ist
dieser entsetzensvolle Kreuzigungsgang - Sagerer macht ja Prozessionstheater - wo man ihm das "Just married"
ins Rückgrat gehauen hat, auch anders zu deuten (?!) -, daß er nämlich seine Prinzessin
- unglücklicherweise - gewonnen hat.
Seit Anfang 1977, seit seiner ersten "Tieger von Äschnapur"-Prozession ("Ich bin die letzte Prinzessin
aus Niederbayern") rennt er seinem Jagdglück und dieser seiner Theater-Dulcinea nach, durch dick und dünn
- will sagen, volkstheaterkomisch und multimedial überspannt: Heute, bei seinem vierten "Tieger"-Lauf
(der nullte wird mitgezählt) ist Sagerer grimmiger, radikaler und präziser in seiner Auseinandersetzung
mit dem Theater als je zuvor. Den absurden Volkstheaterzauber - den sein "Ensemble" so wunderbar
augenrollend-dumpf beherrschte - hat er sich mehr und mehr verkniffen und seine Theatergruppe hat er
bis auf sich selbst abgebaut - "Ich bin imbrünstig mein Alexeij Sagerer" nennt er ja deshalb diese
Prozessionstheater-Folge - wohl auch, um auf die, der Kunst gewiß nicht dienlichen
Organisations-Subventions-Methode des neuen Stadtrats aufmerksam zu machen.
Sagerer verweigert sich dieser durch Aufwand zähmenden Vereinnahmung: Das freie Münchner Theater
(die unabhängigen Bühnen) seien nicht entstanden, um nun mit angeblich das Überleben in Unabhängigkeit
garantierenden Subventionen in Unfreiheit (die Gunst von Gönnern) zu geraten. Er ist auch nicht bereit,
als Theaterlückenbüßer gegängelt zu werden und wehrt sich nun mit einem anarchistisch verspielten Mut zur
selbständigen Theaterkunst. Theaterlücken, die durch ein fehlendes Volkstheater bestehen, sollen auf
keinen Fall geschlossen, sondern zum "Durchsteigen benützt werden - sagt und schreibt er - oder wenigstens
zum Durchschauen." Er will jedenfalls nicht "eingemauert" werden, will den Durchblick offen halten: Sein
"Ich bin imbrünstig mein Alexeij Sagerer" ist radikales Total-Theater über das Theater, ist, unter dem
Titel einer monomanischen Selbstbeschränkung, der Kampf gegen die Windmühlen theatralischer Eitelkeiten.
Am Anfang kämpft er noch mit seiner grausam-komischen, oft ins Häßliche verliebten Phantasie: Da läßt er
einen "kleinen Wassersack", auch als Wärmflaschen bekannt, von der Wand herunter eine köstlich auf
Bedeutung getrimmte Blubberredearie "singen"; die windet sich, bäumt sich auf, plustert und plappert
und schlägt einfach ihr Wasser ab, so daß Herkules Sagerer diesen Theaterstall mit wunderlich
quietschenden Plastikschneeflocken auszumisten hat. Doch alle Kunstanstrengung will nichts nützen.
Am Ende nach einer offen-bacchiadischen, von Alltagslärm martialisch gefährdeten Posaunerei, liegt
Sagerers Tiegerjäger mit vor Anstrengung zerstörtem, schweißnassem Gesicht erschöpft "im Bett", über sich,
übermächtig (als Film), an die Wand geworfen fast zwei Dutzend Münchner Theaterleiter bei ihren
Interviewversuchen, sich auf Sagerers Fragen über ihr Theaterverständnis zu äußern; mit einem reinen,
weißen Damastband knüpft Sagerer schließlich die Brücke zum blubbernden Beginn ...
Das Theater des Aussen kann nicht durch Theatervereine begriffen werden und schon gar nicht durch die
ewiggestrigen Angeber, die behaupten "Gebt mir 10 oder 100 Millionen und ich mache euch das Theater der Zukunft".
Wer meint, heute schon das Theater von morgen zu kennen, macht lediglich das Theater von gestern.